Worum es geht
Kopfgeldjäger leben eigentlich nach so gefährlichen wie einfachen Regeln: “Tot oder lebendig” ziert nicht nur die Steckbriefe ihrer Beute; es ist ihre Berufsbeschreibung. Als Nadie den Job übernimmt, das Leben der rätselhaften Ellis auf unbestimmte Zeit zu schützen, stellt sich die Schar der anderen Kopfgeldjäger, die sich auf die Jagd nach dem Mädchen machen, allerdings noch als eine der geringsten Schwierigkeiten heraus. Ihre lange Reise nach Süden beginnt …
26 Episoden, Bee Train
Story: 7
Ohne Details auszubreiten, will ich gleich zu Beginn feststellen, dass die Handlung mit kleinen logischen Schwächen gespickt ist, wie man sie aus vielen Geschichten, besonders im Action-Genre, kennt. Vormals extrem flinke Menschen zögern die entscheidenden Angriffe plötzlich so lange hinaus, bis sie überwältigt werden. Helden lassen den eigentlich bereits am Boden liegenden Gegnern nicht nur ihre Schusswaffen, sondern auch noch gleich potentielle Geiseln zurück. Undercover-Agenten, die als besonders gerissen vorgestellt werden, beschatten ihre Ziele auf einmal ohne jegliche Tarnung aus nicht einmal zehn Metern Entfernung auf offener Flur. Schurken tragen absurde “Alien-Ninja”-Kostüme, und Geheimbünde treffen sich stets in Kapuzenmäntel gehüllt, die gerade so ihre Augen verbergen. Die üblichen Schnitzer eben. Doch auch davon abgesehen glänzt die Haupthandlung nicht durch besondere Originalität oder gar Logik. Das alles ist hingegen nicht weiter schlimm, weil die erste Hälfte des Animes sowieso aus mehr oder weniger unzusammenhängenden Kurzgeschichten besteht, die für sich genommen spannend, witzig, manchmal leider auch langweilig sind – das ist wahrscheinlich Geschmackssache. In der zweiten Hälfte dominiert zusehends die Hauptgeschichte, die trotz der erwähnten Schwächen überaus spannend umgesetzt wird. Obwohl ich schon nach wenigen Episoden vergessen hatte, wohin die Kopfgeldjägerin Nadie und ihre “Beute” Ellis überhaupt unterwegs sind, ist ihre gemeinsame Reise der rote Faden, der die ganze Geschichte zusammenhält und mit diesem unwiderstehlichen, von den wundervollen lateinamerikanischen Zwischenstationen verstärkten Road-Movie-Charme erfüllt, derentwegen man der Serie so viel verzeiht. Nadie und Ellis zu begleiten, erfreut vielleicht nicht den Verstand. Aber Herz und Seele.
Art & Animation: 8
Möglicherweise ist es meiner Einbildung geschuldet, aber die erste Hälfte des Animes wirkt auf mich statischer, mehr von Standbildern geplagt als die zweite. Für eine erstmals 2007 ausgestrahlte Serie ist das überraschend. Sie nehmen jedoch in der zweiten Hälfte deutlich ab, und zu jeder Zeit wird der Zuschauer durch eine Fülle von malerischen Landschaftspanoramen entschädigt, die das Auge erfreuen. Ob Städte, ländliche Villen, Fast-Food-Restaurants oder staubige Straßen durchs kakteenbewehrte Nirgendwo, die Szenerie ist vielfältig und schafft eine ganz besondere Atmosphäre. Die Farben sind angenehm und ansprechend, die Orte wecken das Gefühl von Abenteuer und Risiko, die Charakterdesigns riechen beinahe nach Staub, Schweiß und Schwarzpulver. Auch wenn die Animationen gerade zu Beginn flüssiger hätten sein können, kann ich den Art-Teil nur jedes Mal wieder bewundern.
Musik & Sound: 10
Die englischen Synchronsprecher hinterlassen bei mir als Nicht-Native-Speaker einen sehr guten Eindruck, für die deutschen kann ich nicht sprechen. Aber auch die japanischen Stimmen kann man sich gut anhören und sprengen niemandem mit übertriebenen Piepsstimmen das Trommelfell, wie das bei anderen Serien schon mal der Fall sein kann. Hintergrundgeräusche klingen überzeugend, Motoren, das metallene Klicken von Pistolenteilen und das beständige Zirpen der Heuschrecken leisten ihren Beitrag zur rastlosen, geladenen Atmosphäre. Aber der eigentliche Star sind der Stück für Stück mitreißende Soundtrack sowie die Opening- und Ending Themes. Alleine schon für die einzigartige, spannungsgeladene, westernmäßige Mundharmonika- und Flötenmusik, die sich schon sehr bald ins Gedächtnis einbrennen wird, lohnt sich der Kauf der Serie.
Charaktere: 7
Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Handlung in sich zusammenfiele wie ein Soufflé, würde sie nicht von diesen äußerst sympathischen Helden getragen. Die Nebencharaktere der einzelnen Kurzgeschichten sind bestenfalls durchschnittlich, aber man kann in 25 Minuten auch keine Charakterstudien erwarten. Einige sind meiner Meinung nach langweilig, andere viel zu leicht zu durchschauen, jene flach wie eine ausgerollte Tortilla. Eigentlich sind nicht einmal die Hauptpersonen besonders stark entwickelt geschweige denn facettenreich. Das Mädchen Ellis macht immerhin einige Veränderungen durch, auf die ich nicht näher eingehen möchte, die aber vom unschuldigen süßen Strohkopf im Minirock wegführen. Man könnte vielleicht sagen, Ellis entwickele sich vom lebendigen MacGuffin mit Comedy-Einlagen zu einer ernstzunehmenden Persönlichkeit. Die Begründung für ihren anfänglichen Zustand hängt mit der bereits belächelten Story zusammen, aber es wäre unfair, Ellis darauf zu beschränken. Ellis ist nicht Nyuu. Nadie, die bissige Kopfgeldjägerin an Ellis’ Seite, ist so etwas wie ihre große Schwester. Eine Episode beschäftigt sich mit ihrem Leben, bevor sie diesen “Beruf” ergriff, was diesem Charakter wirklich gut tut, andererseits nimmt man ihr nicht immer die Rolle des harten Hundes ab, weil sie manchmal ein wenig zu schwesterlich und weich auftritt.
Das andere ungewöhnliche Charakterpaar und eines der Highlights dieser Serie, Ricardo und Lirio, lässt zwar viele Fragen offen, erfüllt allerdings gleich mehrere Funktionen: Der stets bis zur Karikatur ernste, aber väterliche Ricardo in Hut und Mantel und das immer gut gelaunte, kleine Mädchen Lirio wecken zwar ihrer schieren Gegensätzlichkeit wegen Zweifel an ihren (oder Ricardos) Absichten, doch mit der Zeit lernt der Zuschauer, sie als ständige “zufällige” Gefährten zu akzeptieren. Ihre Begegnungen mit Nadie und Ellis und ihre Rolle in der Geschichte sind nachvollziehbar, doch über ihre persönlichen Hintergründe hätte ich gerne mehr erfahren.
Schwächer sind die Gegenspieler ausgeprägt, unter anderem der von sich selbst eingenommene Wissenschaftler Douglas Rosenberg: Auch wenn er selten von den Ereignissen überrascht, sondern im Gegenteil meistens überaus zufrieden mit dem Fortschritt seiner Pläne wirkt, ist sein Verhalten bisweilen widersprüchlich. Einmal bestraft er einen Untergebenen für sein unangebrachtes Benehmen mit ziemlich harten “Umerziehungs”-Maßnahmen, kurz darauf scheinen ebendiese Handlungen genau in seine Karten zu spielen. Rosenberg ist mit seiner Eloquenz, Arroganz und Durchtriebenheit der Erzschurke von der Stange. Interessanter ist die Agentin Jody Hayward, die ihre eigene Agenda zu verfolgen scheint, aber nach einigen Enthüllungen leider an Profil verliert, auch wenn die Macher sichtlich vom Gegenteil überzeugt sind. Bleibt noch der gruselig-verrückte L.A., dessen inkonsequentes Verhalten mir mehr als einmal Kopfzerbrechen bereitete, das andererseits wegen seiner emotionalen Instabilität vergleichsweise leicht zu erklären ist.
Insgesamt bleiben gemischte Gefühle. Die Charaktere sind größtenteils sympathisch, unterhaltsam, einprägsam, treiben die Geschichte voran, schaffen starke emotionale Momente, doch sind selten tiefgründig oder rational.
Fazit:
Mit fiktionalen Werken verhält es sich oft wie mit den Menschen, die einem am nächsten sind: Man kennt ihre Schwächen … und meine Fresse, was sind das manchmal für Schwächen … doch man liebt ihre Stärken nur umso mehr. El Cazador de la Bruja ist eines dieser Werke, die ich für das liebe, was sie sind und was sie tun. Dieser Anime bringt mich zum Lächeln und zieht mich in seine Latino-Western-Welt, und wenn sich einige Klischées hinein verirren, dann ist es eben so. Gemessen an den eigenen Ansprüchen hätte die Geschichte des Animes durchdachter, die Charaktere konsequenter und tiefer sein können, dafür gibt es Punktabzüge. Doch wer einen actionreichen Western mit Mystery- und Comedy-Elementen sucht, wird diesen Anime genauso mögen wie ich.



Grundsätzlich muss ich dir zustimmen, der Anime zieht einen mit seinen Szenarios und der großartigen Musik in seine Darstellung Mexikos, aber für mich ist das ganze eindeutig zu langgezogen. All die Schwächen, die du so gern hinnimmst, hätte auch ich in Kauf nehmen können, wäre die Staffel nur über eine Saison gelaufen (~12 Episoden). Auch gab es inszenatorische Pannen wie die Episode im Stollen, als ein Gegner mit wirklich spannender Musik, allerdings schon fast zu oft einsetzend, aufgebaut und auf die Pfährte der Protagonisten geführt wird, aber dann innerhalb weniger Sekunden abgefertigt wird. Solche wenigen spannenden Szenen wirft die Serie weg und blendet über die ganze Serie hinweg lieber immer wieder belangloses Tun der verfeindeten Organisationen ein, die sich doch nie wirklich im Show-Down o.ä. treffen. Ich hab übrigens die deutsche Synchro gehört, für Ellis wurde eine relativ emotionslose/naive Stimme verwendet, die meiner Meinung nach gut passte. Ist die Wertung im Banner (8) eigentlich deine Gesamtwertung? Bei mir war’s eine 4, aber allein wegen seinem so untypischen Szenario lohnt er sich eigentlich trotzdem.
Das halte ich gar nicht für eine inszenatorische Panne: Der Kopfgeldjäger in dieser Episode wurde meiner Meinung nach sogar sehr geschickt als einer von vielen dargestellt. Zähle ich eher zu den Kniffen des Animes, nicht zu den Schwächen.
Normalerweise bin ich ein großer Fan von zwölf oder dreizehn Episoden, aber hier wäre mir das einfach zu wenig Reise gewesen. Dass die erste Hälfte solche Kurzgeschichten aneinanderreiht, macht ja gerade den Flair aus. Hätte man auf sie verzichtet und sich nur auf die lasche Haupthandlung konzentriert, wären deren Schwächen nur umso stärker zum Tragen gekommen.
Ja, die acht Punkte von zehn sind meine Gesamtwertung – ich sehe den Anime immer wieder gerne. Ich sollte aber mal einen eigenen Artikel über solche Bewertungssysteme schreiben: Story und Charaktere haben jeweils den Faktor 0.3, A&A und M&S jeweils 0.2, das heißt: Vier Punkte wären in meinem System eigentlich nur durch unterirdisch schlechte Leistung zu erreichen, selbst Yosuga no Sora hat ja fünf Punkte erreicht. 0 Punkte wären schon mathematisch nicht möglich, 1 unwahrscheinlich bis unmöglich, usw. Alles unter 7 ist in meinem System schlecht. Mehr dazu vielleicht später mehr.