Wie ihr alle erlebt, sind das gerade rasante Tage auf dieser Seite, hier steppt der Bär, meine spannenden Beiträge lösen sich praktisch im Sekundentakt ab. Dennoch finde ich die Zeit, mal eben ganz locker eine neue Ausgabe von How to GIMP rauszuhauen! Diesmal dreht sich alles um Wasser – genauer gesagt: um Wasseroberflächen. Eine nicht ganz triviale Herausforderung, für die ich eine relativ leicht zu meisternde Methode anbiete:
Eine spiegelnde Wasseroberfläche eines Flusses, Bachs oder Teichs leicht gemacht:
Bevor wir beginnen, schaffen wir ein Missverständnis aus der Welt: Wasser ist nicht blau, sondern durchsichtig. Darum ist es zwar verlockend, aber kein guter Ansatz, den Pinsel in ein kräftiges Blau zu tauchen und damit unser Gewässer zu malen. Natürlich ist das Wasser blau, grün, rot oder grau, weil sich der Himmel in ihm spiegelt – die Wasseroberfläche ist, wenn sie ganz glatt wie eine Scheibe vor uns liegt, ein großer Spiegel. Normalerweise ist Wasser allerdings in Bewegung, welche die Oberfläche in viele kleinere Oberflächen mit Wölbungen und verschiedenen Winkeln aufteilt und sie in ein kleines Spiegelkabinett verwandelt.
1. Spiegelbilder
1.1. Spiegelbilder erstellen und platzieren
Darum ist es logisch, in einem ersten Schritt ein einfaches Spiegelbild der Objekte über dem Gewässer zu erstellen. In dieser Anleitung beschränke ich mich der Einfachheit halber auf einen einzigen Baum an einem Flussufer, den ich vertikal spiegele und wie ein Spiegelbild unter dem oberen Flussufer ablege. Falls mehrere Objekte, die auf unterschiedlicher Höhe im Bild liegen, sich im Wasser spiegeln sollen, muss jedes einzeln vertikal gespiegelt werden, wie die folgende Grafik verdeutlicht.
Je nach dem, aus welcher Perspektive der Bildbetrachter auf das Gewässer schaut, werden die Spiegelbilder mehr oder weniger kürzer (gedrungener) – tatsächlich müssten sich im Wasser sogar Bereiche spiegeln, die aus der Perspektive des Betrachters gar nicht am Original zu sehen sind, aber bei einer bewegten Wasseroberfläche ignorieren wir solche Feinheiten einfach und sparen uns die zusätzliche Arbeit.
1.2. Spiegelbilder verformen
Zunächst wähle ich das Verschmieren-Werkzeug und verschmiere in kräftigen Links- und Rechtsbewegungen das Spiegelbild, bis die Ränder zu Zacken oder Noppen werden – je stiller und bewegungsloser das Gewässer, desto zusammenhängender sollte das Ergebnis sein. Ein reißender Fluss hingegen würde das Spiegelbild viel extremer verformen, darum sollte bei starker Strömung mit einer höheren Rate des Verschmieren-Werkzeugs und härteren Strichen gearbeitet werden.
Jetzt machen wir zum ersten Mal Gebrauch von dem Posterisieren-Filter im Farben-Menü. Posterisieren bedeutet, dass die Anzahl der Farben innerhalb unserer Auswahl auf eine kleinere Zahl reduziert wird (bei einer höheren Zahl ändert sich nichts), indem mehrere ähnliche Farben zu einer einzigen Farbe werden – das Ergebnis ähnelt oft einem Pop-Art-Poster oder einem Comic. Mithilfe der Vorschau des Filters kann man ausprobieren, wie viele Farben am schönsten sind, aber zu viele Farben führen natürlich unseren Effekt ad absurdum. Für meinen Baum setze ich die Anzahl der Farben auf sieben. Sein Spiegelbild ist jetzt viel flächiger und malerischer.
2. Oberflächenstruktur
Bisher sieht das Spiegelbild zwar schön aus, aber wer nach draußen geht und den nächstgelegenen Fluss besucht, wird dort stärkere Kontraste, Licht und Schatten und weniger deutliche Spiegelbilder sehen. Darum kümmern wir uns jetzt.
2.1. Wellen und Strömungen
Für den Betrachter sehen die sich ständig verwandelnden kleinen Erhebungen und Täler der Wasseroberfläche zufällig und unberechenbar aus. Diesen Eindruck will ich natürlich imitieren. Weil ich faul bin, lasse ich die Mathematik für den Zufall sorgen: Ich erstelle eine neue Ebene über dem Spiegelbild, aktiviere sie und erzeuge ein plastisches Rauschen (Filter-Menü -> Render -> Wolken) mit einer X-Größe von 2 und einer Y-Größe von 16, nicht kachelbar, ohne Turbulenz, dafür aber mit einem Zufallswert (technisch gesehen ist es eigentlich gar kein echter Zufall). Das Ergebnis ist ein schwarz-weißer Strom von vielen horizontal verlaufenden Nebeln. Das passt gut für einen gemächlich dahinfließenden Fluss. Wer lieber einen reißenden Strom erzeugen will, vielleicht sogar eine stürmische See, der erhöht die X-Größe und aktiviert Turbulenz. Auch bei einem höheren Blickpunkt des Betrachters sollte die X-Größe erhöht werden. Bei sehr großen Gewässern wie einem Meer oder einem weiten See empfiehlt es sich, der Ebene mit dem Perspektive-Werkzeug einen dreidimensionalen Effekt zu verleihen. Weil das plastische Rauschen mitunter recht klein für Gewässer ist, die der Betrachter aus großer Entfernung sieht, kann man mehrere Ebenen mit plastischem Rauschen erstellen, sie skalieren und nebeneinander bzw. untereinander platzieren und schließlich mit dem Verschmieren-Werkzeug nahtlos machen.
2.2. Schatten
Genau wie auf alle anderen Oberflächen können Schatten auf das Wasser fallen. In dieser Anleitung fällt das Sonnenlicht von hinten links und oben auf den Baum und wirft von links oben nach rechts unten einen Schatten auf das Wasser.
Eine neue Ebene darüber erstellen und aktivieren. Mit einem schwarzen Pinsel der Größe 20 (oder was immer ihr für angemessen haltet) male ich genau wie vorher beim Verschmieren des Spiegelbildes mit schnellen Links- und Rechtsbewegungen einen ganz ungefähren, zackigen Schatten von links oben nach rechts unten über das Wasser. Der Schatten soll gar nicht eine große zusammenhängende Fläche sein, sondern viele transparente Flächen beinhalten – je weiter vom oberen Ufer entfernt, desto mehr transparente Flächen! Das liegt daran, dass Schatten mit zunehmender Entfernung durch reflektierendes Licht aufgehellt werden – probiert es einmal aus, indem ihr mit einer Taschenlampe den Schatten eurer aufrechten Hand auf eine helle waagerechte Oberfläche werft! Nachdem ich den lückenhaften Schatten mit Pinselstrichen gemalt habe, verschmiere ich ihn genau wie beim Spiegelbild mit dem Verschmieren-Werkzeug. Anschließend vereinige ich die beiden Ebenen des Schattens und der Wellen (arbeitet besser immer mit Kopien!)
Nun verwende ich erneut den Posterisieren-Filter mit einer Farbenanzahl von 7. Eine kleinere Zahl lässt das Gewässer ruhiger wirken, eine größere Zahl unruhiger.
Nun ist das Gewässer aber immer noch schwarz und weiß – das ändert sich nun. Ich möchte die dunklen Flächen eher sichtbar bis völlig sichtbar und die hellen Flächen semi-transparent bis völlig transparent machen, damit das Spiegelbild darunter hindurch schimmert. Dazu öffne ich den Reiter “Farbverläufe” (Fenster-Menü -> Andockbare Dialoge) und wähle dort den voreingestellten Farbverlauf “VG nach Transparent” aus. Meine Vordergrundfarbe bleibt schwarz. Anschließend benutze ich nicht das Farbverlauf-Werkzeug, sondern den Filter “Auf Farbverlauf abbilden” (Farben-Menü -> Abbilden). Die hellen Bereiche sind jetzt transparent bis semi-transparent, während die schwarzen Bereiche sichtbar bleiben. Was ist geschehen?
Dieser Filter tauscht die Farben der Bildauswahl gegen Farben auf dem Farbverlauf: Je dunkler ein Pixel ist, desto weiter links auf dem Farbverlauf findet sich seine neue Farbe – je heller ein Pixel ist, desto weiter rechts auf dem Farbverlauf findet sich seine neue Farbe. Auf unserer aktuellen schwarz-weißen Ebene ist das natürlich ganz einfach: Weil unser Farbverlauf ganz links schwarz ist, bleiben die schwarzen Bildbereiche auch schwarz. Weil der Farbverlauf ganz rechts transparent ist, werden die weißen Bereiche transparent. Die Grautöne werden dementsprechend zu einem bestimmten Prozentsatz transparent. Jetzt sehen wir tatsächlich unser Spiegelbild unter der Ebene.
2.3. Färbung mit eigenem Farbverlauf
Wer ein bisschen mehr bunte Farbe ins Spiel bringen und dem Fluss einen blauen, roten, grünen, grauen Anstrich verpassen will (was immer eben am besten zum gesamten Motiv passt), benutzt nicht “VG nach Transparent”, sondern erstellt stattdessen ganz einfach einen eigenen Farbverlauf. Dazu öffnet man den Farbverlauf-Reiter, drückt unten auf “Ein neues Bild erstellen” und sieht einen neuen Reiter mit Einstellungen erscheinen. Hier macht man einen Rechtsklick auf die große Farbverlauf-Fläche und wählt “Segment mittig teilen”, was das bisherige eine Segment in zwei neue teilt – weil jedes Segment einen linken und einen rechten Eckpunkt hat, können wir damit vier Farben einstellen, aber nur drei sind sinnvoll, weil beide Segmente sich in einer gemeinsamen Farbe vereinigen sollen, um wirklich zu “verlaufen”.
Mit einem Linksklick auf das linke weiße Dreieck (das die Mitte des linken Segments markiert), wählt man das linke Segment aus. Jetzt wählt man nach einem Rechtsklick in die große Fläche “Farbe des linken Eckpunktes” und sucht dort Schwarz aus. Genauso geht man für den rechten Eckpunkt vor, nur wählt man hier die gewünschte Farbe mit einem Alphawert von 25 (da kann man experimentieren). Jetzt ein Linksklick auf das rechte weiße Dreieick, um genauso beim rechten Segment vorzugehen – nur ist hier der linke Eckpunkt die gewünschte durchsichtige Farbe, und der rechte Eckpunkt ist völlig transparent (irgendeine beliebige Farbe wählen und den Alphawert auf 0 setzen).
Dem Farbverlauf einen passenden Namen verleihen und mit einem Klick auf das Disketten-Symbol speichern. Jetzt kann man ihn so anwenden wie oben beschrieben. Die stark durchsichtige Farbe in der Mitte des neuen Farbverlaufs wird jetzt besonders für die mittelmäßig hellen und dunklen Pixel benutzt, also für viele Grautöne.
2.4. Licht
Für eine bessere Übersicht die Spiegelbild-Ebene im Ebenendialog verstecken und nach diesem Schritt wieder sichtbar machen.
Wo Licht ist, ist auch Schatten – und umgekehrt. Ein paar Lichtreflektionen fehlen noch. Eine neue Ebene darüber erstellen und aktivieren. Hier mit einem dünneren, weißen Pinsel geschwungene horizontale Linien und Kräusel in die völlig transparenten Flächen malen, die aus der Schatten-Ebene darunter durchschimmern. In diesen Bereichen, wo vor der Abbildung auf den Farbverlauf die ganz weißen Flächen waren, sind die hellsten Oberflächen – die sollen von solchen langen und kleinen Lichtreflektionen gekrönt werden wie Berge von ihren Gletschern.
Anschließend verschmiere ich die Reflektionen leicht mit dem Verschmieren-Werkzeug. Danach eine neue Ebene erstellen und mit Schwarz füllen, diese dann mit der Licht-Ebene vereinen und den Kontrast der Ebene auf einen hohen Wert wie 90 setzen (Farben-Menü) – das dient dem gleichen Zweck wie der Posterisieren-Filter,ist aber für diesen Schritt etwas feiner. Zuletzt den bereits bekannten Filter “Auf Farbverlauf abbilden” mit einem Farbverlauf von Schwarz nach Transparent anwenden.
Nicht vergessen, die Spiegelbild-Ebene wieder sichtbar zu machen.
2.5. Fließrichtung
Alle Ebenen außer den fertigen Zwischenschritten im Ebenendialog verstecken und alle sichtbaren Ebenen mittels Rechtsklick im Ebenendialog kopieren (“Neu aus Sichtbarem”), um sie als eigenständige Ebene zu aktivieren. Bei bewegten Gewässern schadet es nicht, die Richtung der Bewegung anzudeuten. Weil ich faul bin, bewerkstellige ich das mit dem Wind-Filter (Filter-Menü -> Verzerren) und imitiere eine von links wehende Bö auf führende Kanten mit einem Schwellenwert von 0 (damit sie überall weht) und einer Stärke von 30 (damit man den Effekt auch ordentlich sieht). Für schnellere Gewässer empfiehlt sich eine größere Stärke.
Gut, das war’s auch “schon” … einfacher als gedacht, oder?











“(…) meine spannenden Beiträge lösen sich praktisch im Sekundentakt ab”
Hahaha XD Sorry aber ich musste wirklich lachen als ich das las ^^
Aber zum Wesentlichen…… DANKE! Danke danke danke, tausendmal Danke für dieses unfassbar geniale Tutorial! Ich hab mich schon so oft gefragt wie ich schöne Wasseroberflächen hinbekommen könnte (dass ich mit blau schlecht bedient bin war mir schon klar, aber jede Welle einzeln zeichnen war auch nicht wirklich eine Option XD) …. das Tutorial ist echt hilfreich, ich denke ich werde mir demnächst mal ansehen wie das Ganze im Photoshop aussieht