Mirai Nikki: Zwischenfazit

Nach einer allgemeinen Anime- und Blog-Pause, in der mich die Uni und meine halbe Million anderer niemals fertigzustellender Projekte etwas beschäftigten, führe ich auf Wunsch all der Tonnen von Fanpost, die ich erhielt, meine kritische Mirai-Nikki-Serie weiter. Weil meine üblichen Anime-Reviews darauf angelegt sind, Leuten einen Überblick über eine Serie zu geben, die sie womöglich nicht kennen, ohne ihnen dabei zu viel zu verraten, wollte ich diesmal einen Anime aus dem gehobenen Mittelfeld moderner Produktionen herausgreifen und seine Handlung auf Herz und Nieren prüfen. Stellvertretend für den Großteil der Anime, die überhaupt noch eine Geschichte erzählen und sich noch nicht in die gesichtslosen School-Moe-Comedy-Massen einreihen.

Mirai Nikki ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Meine letzten Einträge nehmen die ersten paar Handlungsbögen ziemlich gnadenlos auseinander, und nachdem ich nun genau die Hälfte der Episoden kenne, sehe ich Licht am Horizont. Höchstwahrscheinlich bleibt die Logik hinter den Handlungen und Motiven der Charaktere auch in den nachfolgenden Episoden auf der Strecke. Um nur ein paar Beispiele aufzugreifen: Deus Ex Machina gibt aus keinem bisher ersichtlichen Grund, weil er bald in den Ruhestand muss – really? xD, seine göttliche Macht an den Gewinner eines Wettbewerbs ab, dessen Teilnehmer sich ebenfalls ohne erkennbaren Grund gegenseitig umbringen müssen. Weird. Die Besitzer der Future Diarys sind alle ziemlich extreme Persönlichkeiten, was gut sein könnte, wenn sie nicht manchmal ein genauso extrem blödes Verhalten an den Tag legen würden, das im Widerspruch zu der Durchtriebenheit und Intelligenz steht, die sie angeblich auszeichnen. Ob sie im auffälligen Kampfanzug und mit Säbel durch die Stadt laufen, hoffnungslos verschacheltes Gambit Roulette oder gleich Gambit Pileup spielen oder wieder einmal den alten Schurkenfehler begehen, ihre Feinde nicht gleich am Anfang zu töten, wenn sie es problemlos könnten – die Charaktere lassen oft jeden Funken Verstand vermissen. Wie oben bereits gesagt, werfe ich das nicht speziell diesem Anime vor – er hat nur das Pech, Opfer meiner Schimpftiraden geworden zu sein, obwohl ich mühelos fast jeden anderen Anime mit ambitionierter Story hätte wählen können. Das Schlimme ist, dass solche Fehler bei anderen Serien oft nicht beachtet oder weggejubelt werden.

Wie ich allerdings in meiner noch fortzusetzenden Memento-Story-Reihe behaupte, kommt es nicht so sehr darauf an, ob solche logischen Fehler bestehen – sondern ob sie dem Zuschauer auffallen und ihn aus seiner Immersion reißen und so die Fassade der Stimmigkeit zerstören. Für Hyperrealismus besteht kein Grund, schließlich handelt es sich nur um Unterhaltung. In den Weiten des Internets gibt es bestimmt auch genug Texte, die mein geliebtes Death Note eines logischen Totalausfalls überführen – und wenn schon.

Und Mirai Nikki gelingt es tatsächlich, mich zu fesseln. Verdammt, wenn ich mit einer Episode beginne und die Pläne der anderen Tagebuch-Benutzer zu ergründen suche, geschieht sofort wieder etwas Unerwartetes und zieht mich in die Geschichte hinein. Der Anime hält die Spannung über lange Strecken einer Episode sehr hoch, ständig befinden sich die Protagonisten auf Messers Schneide. Dabei empfinde ich überhaupt keine Sympathie für die beiden … können wir wirklich “Helden” sagen? … Yuki und Yuno. Im Gegenteil halte ich die beiden für ziemlich blöd, eindimensional und eine Katastrophe, falls sie den Thron von Zeit und Raum erobern sollten, denn die verrückte Stalkerin und den Random Male Hero kann man der Welt ja nicht zumuten … Ich weiß gar nicht, ob das Absicht ist. Soll ich die beiden gar nicht gut finden? Makoto aus School Days stieg ja sicherlich auch nicht unbeabsichtigt zu einer der hassenswertesten Charaktere der Animegeschichte auf. Umso länger ich darüber nachdenke, desto gelungener finde ich dieses Duo. Eben weil Yuki so ein verdammt passiver und leicht zu lenkender Langweiler ist, während Yuno mehr als eine Leiche im Keller hat (oder Teile von Leichen, muha) und bisher die geheimnisvollste und ehrlich gesagt auch die gefährlichste Person der Serie und sogar in Yukis Umfeld ist. Heads up! Or off. Oder so.

Bisher kenne ich ja noch nicht alle anderen Tagebuch-Besitzer, aber was ich bisher gesehen habe, hinterlässt (abgesehen von ihren leider oft schrägen und sinnlosen Handlungen) einen guten Eindruck. Das hochintelligente Kindergartenkind mit seinem Picture Diary fand ich zwar im höchsten Grade albern und nervig, und der Hundezüchter kann auch nicht ganz ernstgemeint gewesen sein, doch besonders die Auftritte des Kommissars und des Orakels boten packende Spannung und Intrigen. Außerdem habe ich mittlerweile das starke Gefühl (und die Hoffnung), dass die Serie erst mit Episode 12 oder 13 wirklich beginnt.

Die Animationen und die Musik, also die Verpackung, geben keinen Anlass zum Meckern, sie setzen das rasante Geschehen gut in Szene. Mir sind jetzt keine außergewöhnlichen Szenen in Erinnerung wie die legendäre Stellen in Death Note, in der Light zum ersten Mal exzessiv das Notizbuch benutzt oder er vom Eingang des Zuges aus auf einen gerade sterbenden Rivalen hinunterblickt, bevor sich die Türen schließen und der Zug abfährt. Bisher nichts Spektakuläres, aber ziemlich solide. Auch das Opening und das Ending gefallen mir, jedenfalls teilweise, weil sie meiner Meinung nach so leicht hintergründig irre klingen wie Yuno selbst im “normalen Zustand” wirkt. Das ist mit Sicherheit so gewollt, und damit ist das einer der Anime, deren Titelmusik zur Abwechslung einmal auch zur Serie passen!

Mein Urteil fällt also für manche Leute bestimmt überraschend positiv aus: Ja, der Anime hat seine Macken (wie leider so viele), aber er schafft es, trotzdem wahnsinnig unterhaltsam zu sein, den inneren Detektiv seiner Zuschauer zu wecken und eine Episode nach der anderen zu sehen, wenn man einmal begonnen hat. Mirai Nikki gehört damit zu dem Spannendsten in der Animewelt, was ich seit längerer Zeit gesehen habe – gebt ihm eine Chance!

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