Wir machen einen Sprung über die Episoden von Reisuke Houjou in der Mirai-Nikki-Analyse, weil es zu ihnen nicht viel zu sagen gibt. Klar, viele Szenen irritieren wieder einmal mit Merkwürdigkeiten und logischen Brüchen, doch nach meinem Eindruck ist diese Geschichte in sich abgeschlossen, nicht weiter von Belang für den Rest des Animes und nicht einmal so furchtbar spannend. Der kleine Junge besaß ein Picture Diary, wollte Yuki und Yuno töten, wurde dann selbst erstochen – jetzt weiter zum nächsten Kapitel, nämlich den Kampf mit Tagebuch-Besitzer Nummer zehn, Karyuudo Tsukishima, der gibt nämlich wesentlich mehr her.

Dieser kultivierte ältere Herr und Hundeliebhaber scheint eine ernsthafte Paranoia zu erleben, weil er seine Hunde anweist, jeden zu töten, den er für einen rivalisierenden Tagebuch-Besitzer hält. Schnell macht das Wort von einem neuen Serienmörder die Runde, der seine Opfer auf brutale Weise reißt, da sie schwere Bisswunden aufweisen und in Einzelteilen aufgefunden werden. Im Gegensatz zu der Mordserie von Takao Hiyama gehen diesmal Menschen mit Verstand diesem Hinweis nach. Natürlich nicht die Polizei. Die ist ja strohdoof. Stattdessen untersucht ein Mittelschüler namens Aru Akise den Fall und kommt auf die glorreiche Idee, den Hundezüchter zu beschatten, was diesen aus unerfindlichen Gründen automatisch zu dem Schluss verleitet, Akise sei ebenfalls ein Tagebuch-Besitzer und nicht etwa nur ein intelligenter Mensch, der zerbissene Todesopfer in einem Park mit Kampfhunden in Verbindung bringt.

Tsukishima zieht seine Tochter Hinata Hino ins Vertrauen und begründet seine Morde mit dem Wunsch, mit der göttlichen Macht Deus’ ihre Familie wieder zusammenzuführen, deren Auseinanderbruch er seiner Hundeobsession zuschreibt. Hinata ist nicht etwa bestürzt oder wütend auf ihren Vater, weil er unschuldige Menschen grausam umgebracht hat, nein! Sie ist begeistert, dass er einen Neustart versucht, und bietet ihm alle Hilfe an, die sie geben kann. “Hey, Dad und, wie sich herausstellt, Serienmörder – was soll ich tun, damit du diese irre Macht erlangst, von der ich noch immer kaum glauben kann, dass sie existiert, und mit der du wieder eine glückliche Familie schmieden willst, obwohl dafür entweder eine ehrliche Entschuldigung und Besserung reicht oder du mit dem Einsatz dieser Macht unsere bisherigen Gefühle und Meinungen egoistischerweise überschreibst?”
Doch der eigentliche Scherz ist Hinatas … ich weiß nicht, ist es wirklich ein Plan? Yuki und Yuno wechseln jedenfalls auf die Mittelschule, und in Yukis neuer Klasse ist zufälligerweise auch Hinata, genau wie Aru Akise, übrigens auch sein alter Mitschüler Ouji Kousaka, der ihn immer lächerlich gemacht, ihn malträtiert und in der zweiten Folge sogar als willfähriger Helfer der Terroristin Minene Uryuu überlassen hat. Ouji und Kousaka werden selbstverständlich innerhalb weniger Stunden gleich am ersten Tag Freunde. Pah, alte Kamellen! Hinata, ihre Freundin Mao Nonosaka, Ouji, Yuki und Yuno schleichen sich nach dem ersten Schultag in den Park, der wegen der Mordserie von der Polizei abgesperrt ist, und als Hinata vorausläuft und ihrem Sichtfeld entschwindet, wird sie scheinbar von einem Rudel bösartiger Hunde getötet. Natürlich ist das nur eine Finte, und die entstellte Leiche, die ihre Mitschüler später finden, ist nur eine täuschend echte Attrappe, die sie innerhalb einer Woche genau für diesen Moment gebastelt haben muss. Eine Sekunde … sie hat diesen Ausflug viele Tage zuvor vorausgesehen? Woher sollte sie bitteschön wissen, dass Yuki ein Tagebuch-Besitzer ist und in ihrer Klasse landet? Sie wollte doch Aru Asike töten, der aber zum Zeitpunkt ihres Verschwindens im Park gar nicht bei ihnen war! Dieser vorgetäuschte Tod von Hinata ergibt nicht den geringsten Sinn, sondern ist nur ein unglaublich berechenbares Manöver des Autors, um sie später wieder aus dem Hut zu zaubern und als die eigentliche Täterin zu präsentieren. Das habe ich aber nicht kommen gesehen! Auch genial: Zwischen der Attrappe und der Phalanx der Kampfhunde liegen zwei Meter Abstand, zwischen ihnen und dem abgetrennten Arm sogar drei bis vier. Die Platzierung wirkt überhaupt nicht authentisch, aber was soll’s.

Als sie die vorgebliche Leiche finden und den Hunden in ihre metallenen Killermäuler starren, spaziert seelenruhig Aru Akise herbei und bringt sie dazu, vor den Hunden zu flüchten. Jawohl, anstatt schleunigst den ebenen Boden zu verlassen, auf dem die Hunde unweigerlich im Vorteil sind, und auf die Bäume zu klettern, welche die Hunde nicht erklimmern können, und dann endlich einmal die verdammte Polizei anzurufen, die außerdem nur wenige hundert Meter weit entfernt ist … rennen sie stur geradeaus davon. Magischerweise wird keiner von ihnen noch im Lauf von einem der kraftstrotzenden und pfeilschnellen Kampfhunde zur Strecke gebracht und getötet. Sie flüchten sich rechtzeitig in das Innere eines verglasten Aussichtsturmes und stemmen sich gegen die von den Hunden bedrängten Fenster, weil Yuki mithilfe seines Random Diary vorhersagen kann, welche Fenster als nächstes angegriffen werden, bis die Hunde schließlich aufgeben und abziehen (d.h.: über Handy wegbefohlen werden). Jetzt kapieren alle Mitschüler, dass es sich bei Yukis Handy um ein Gerät handelt, das ihm die Zukunft verrät. Größere Irritationen löst dies nicht aus, eher so Reaktionen in der Richtung von: “Die Zukunft? Krass. Okay, was machen wir jetzt?”

Kaum sind die Hunde weg, nimmt die unscheinbare Mao Yuki das Handy ab, nimmt ihn mit einem Messer zu Geisel, und dann betritt die totgeglaubte Hinata das Gebäude und gibt sich als Yukis eigentlicher Gegner zu erkennen. Ein Highlight ist ihr selten dämlicher Satz: “Ich hätte nicht gedacht, dass du dein Geheimnis so leicht verraten würdest!”. Also richtete sich der ganze unsinnige Plan von Beginn an gegen Yuki? Wenn sie wusste, dass Yuki ein Tagebuch-Besitzer ist, warum hat sie den Hunden dann nicht befohlen, ihn und die anderen einzukreisen und zu töten, statt sich selbst totzustellen und sie alle entkommen zu lassen? Oh, nicht dass es noch wichtig wäre … Jetzt (sic!) hat sie jedenfalls die Tür geöffnet und könnte mit Leichtigkeit ihre Hunde in den Turm lassen, um das Versäumnis nachzuholen. Doch das wäre zu einfach. Lieber lässt sie sich auf ein Glücksspiel mit dem Hobby-Detektiv Aru Akise ein, bei dem sie um ihre beiden Future Diarys spielen – der Gewinner soll beide Tagebücher erhalten. Man könnte nun sagen: Herr, lass Hirn vom Himmel regnen! Aber man muss Hinata einfach zu ihren Gunsten unterstellen, dass sie nie vorhatte, diese Vereinbarung einzuhalten.

Was jetzt kommt, ist eigentlich sehr clever, muss ich zugeben. Akise besitzt nämlich nicht wirklich ein Tagebuch, sondern spielt nur seine Rolle, um mehr zu erfahren. Hinata soll eine Münze werfen und Akise erraten, in welcher Hand die Münze steckt. Da Hinata nun Yukis Diary zur Verfügung steht, sieht sie voraus, dass die Münze in der rechten Hand sein wird und Akise korrekt antwortet. Yuki kann jedoch auf das Display gucken und zwinkert Yuno, die neben Akise steht, die richtige Lösung zu (rechts). Hinata hat jedoch Augen im Hinterkopf, denn sie sieht Yukis Zwinkern, obwohl sie mit dem Rücken zu ihm vor ihm steht, und sie versteckt die Münze in der linken Hand. Akise durchschaut diesen Zug dank Yunos Hinweis und antwortet richtigerweise mit “links”. Wie er selbst entschieden hat, um Hinatas Möglichkeiten zu studieren, war dies jedoch nur eine Testrunde. Hinata hingegen glaubt nun, Akises Handy verrate ihm, was andere Tagebücher prophezeien, und deshalb habe Akise seine Meinung geändert. Im Umkehrschluss müsse also auch sie, Hinata, das Gegenteil dessen antworten, was Akises Tagebuch ihm über Yukis eigene Vorhersage verrät. Kompliziert, aber ich male es mal kurz auf:
Hinata: (Yukis Random Diary):
"Akise ist an der Reihe zu werfen. Die Antwort ist "rechts". Hinata rät richtig."
Akise: (vermeintlich mit einem Diary, das Yukis Vorhersagen anzeigt):
"Akise ist an der Reihe zu werfen. Die Antwort ist "rechts". Hinata rät richtig."
==> Aha, Akise muss die Münze also vermeintlich in die linke Hand legen, um die Zukunft zu verändern. Hinata würde dann verlieren.
Hinata:
==> Wenn Akise die Münze jetzt in die linke Hand legt, muss Hinata mit "links" antworten, also nicht mit "rechts" wie im Random Diary geschrieben.

Nun muss Akise werfen und Hinata raten. Kurioserweise entscheidet sich Hinata, eine Sekunde nachdem sie feststellt: “Ich muss das Gegenteil wählen.”, doch für die Antwort des Random Diarys! Und entscheidet sich für “rechts”. Ich kann mir diese Wahl nur so erklären, dass Hinata damit rechnete, dass Akise ihren Gedankengang nachvollziehen würde und die Münze doch in der rechten Hand behalten würde, um ihrer cleveren Analyse einen Strich durch die Rechnung zu machen. Akise hingegen besitzt gar kein Future Diary und hat in diesem Moment einfach nur geraten, wie er später zugibt: “Ein faires Spiel”. Es war ihm auch möglich, zu raten und das Random Diary zu überlisten, weil er von den Vorhersagen wusste und seine Entscheidungen mit diesem Wissen überdenken konnte. Hinata verliert und müsste eigentlich Yukis Tagebuch übergeben, hält sich jedoch nicht daran und lässt stattdessen Yuki frei. Das ist natürlich das einzig vernünftige, was sie in dieser Situation tun kann, denn das Spiel war angesichts ihrer realen Dominanz von Beginn an ein unnötiges Risiko für sie. Natürlich bricht sie die Regeln. Sie muss. Sonst wäre das Tagebuch ihres Vaters verloren – und damit das Spiel und ihre naiven Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung ihrer Familie.

Weil das nicht der vereinbarte Preis war, will Akise noch eine Runde spielen, und konträr zu dem oben Geschriebenen, lässt sich die dumme Nuss wieder einmal ohne jede Not darauf ein. Was ihr immer noch einen geistigen Vorsprung gegenüber Yuki verschafft, der allen Ernstes darum bittet, im Falle von Akises und seines Sieges alle zusammen nachhause zu gehen, als hätte ihm Mao nicht ein Messer an die Kehle gehalten und Hinata sie nicht alle zu Hundefutter verarbeiten wollen. Ich liebe diesen Idioten, er bereitet mir grimmige Freude. Nun wirft Hinata die Münze wieder und denkt bezeichnenderweise, sich diesmal an das Random Diary halten zu wollen – doch das hat sie bei der zweiten Runde ebenfalls getan und verloren. Bei der ersten Runde hat sie die Vorhersage nicht befolgt – und nur deshalb verloren, weil Yuki durch sein Zwinkern die Zukunft veränderte. Das lässt meine Erklärung für ihr widersprüchliches Verhalten in der zweiten Runde zweifelhaft werden – offenbar war der Plot schlicht und ergreifend schlampig geschrieben. Jedenfalls folgt Hinata dem Diary und versteckt die Münze in der rechten Hand – diesmal in dem Wissen, dass Akise keine Vorhersagen lesen kann und laut Diary falsch rät.
Doch das Random Diary sagt nicht zwingend die Zukunft voraus, sondern nur die Zukunft für die Umgebung, die Yuki selber wahrnimmt. Yuno tritt der sicheren Niederlage daher entgegen, indem sie nach Hinatas Wurf Yukis Ohren zuhält und seine Sicht blockiert, bevor Akise seine Antwort nennt. Akise zieht daraus mit detektivischem Gespür den Schluss, dass Yukis Diary an seine Wahrnehmung gekoppelt ist und er das Gegenteil dessen antworten muss, was er ursprünglich vorgehabt hat. Er wollte mit “links” antworten, sagt nun aber “rechts” – Hinata verliert das Spiel. Als Yuki wieder sieht und hört, lügt Akise ihn an und behauptet, mit “links” geantwortet und verloren zu haben, bevor Yuno Yuki bewusstlos schlägt – das Random Diary aktualisiert daher die Vorhersagen nicht und gibt Hinata keinen Vorteil mehr über sie.
Das war der Teil, der mich besonders fesselte. Der Rest dieses Handlungsbogens geht allerdings wie gewohnt den Bach runter.

Mao akzeptiert die Niederlage ihrer Freundin nicht und zückt ihr Messer, um Yukis Handy zu zerstören und ihn damit zu töten, was wiederum Yuno zu einem präventiven Frontalangriff auf Mao provoziert, der diese schwer verwundet. Yuki, Yuno, Akise und Kousaka, der übrigens auch noch lebt, nutzen den Moment, um zu fliehen … na ja, um gemütlich hinaus zu spazieren. Hinata ist allerdings eine schlechte Verliererin (und muss es sein, um noch eine Chance zu behalten) und hetzt mithilfe ihres Vaters die Hunde auf sie, welche die ganze Zeit nutzlos im Park saßen. Yuki sieht den Tod seiner neuen Freunde voraus und läuft wieder zurück zum Aussichtsturm, um Hinata aufzuhalten, und Yuno begleitet ihn entgegen Akises Plan, mit ihr zusammen die Hunde abzulenken. Yuno sind die anderen nämlich egal, ihr wäre deren Tod schließlich sogar recht. Lange Rede, kurzer Sinn: Yuno läuft voraus, nimmt Hinata zur Geisel, damit sie die Hunde zurückruft, und würde sie auch töten – doch Yuki erklärt vor allen anderen seine Beziehung zu Yuno, um damit deren Eifersucht einzudämmen und Hinata zu retten. Dann meldet sich Hinatas Vater Karyuudo Tsukishima über ein Hundetelefon, verspottet Hinatas Naivität und lässt die anderen dann live mithören, wie er von Nummer vier, dem Polizisten und Verbündeten von Yuki und Yuno in seinem Haus erschossen wird.
Bye bye, Nummer zehn.
Übrigens ist Akise als Einziger auf die Idee gekommen, mal einen verdammten Krankenwagen für Mao zu rufen. Nicht einmal ihre Freundin Hinata hat daran gedacht. Aber wer denkt darüber schon noch nach … Nein, über das Verhalten von Hinata sollte wirklich niemand genauer nachdenken …
Ohne Aru Akise wäre dieser Handlungsbogen regelrecht implodiert. Dieser Charakter ist allerdings interessant. Sehr interessant.


