Mirai Nikki: Deus Ex Machina

Mirai Nikki oder Future Diary heißt ein Anime, den ich vor einigen Wochen wegen seines vielversprechenden Storygerüsts zu gucken begann. Anstelle einer allgemeinen Review will ich mehrere separate Artikel schreiben, um zu zeigen, an welchen Stellen die Story auseinander fliegt. Natürlich gelingt der Serie auch vieles, darauf komme ich zurück. (Diese Artikelreihe enthält Spoiler – nein, sie besteht nur aus ihnen!)

Mirai Nikki | Deus Ex Machina bei der Arbeit

Deus Ex Machina ist der Gott von Zeit und Raum und sitzt in einem von dutzenden wahllos und in den unmöglichsten Winkeln an Metallstangen befestigten Bildschirmen beherrschten violetten Saal, an denen er entweder simultan Tetris auf der höchsten Schwierigkeitsstufe zockt oder den Weltenlauf steuert. Selbstverständlich ist das nur eine von ihm entworfene Projektion, um seine überwiegend minderjährigen menschlichen Besucher zu beeindrucken, denn wenn Götter auf moderne Technikvorstellungen zurückgreifen müssten, um die Zukunft zu beeinflussen, bedeutete das eine bittere Ironie. Deus hat jedenfalls einen ziemlich morbiden Humor und veranstaltet gerne Spiele. Diesmal stattet er zwölf Menschen mit einem (meist elektronischen) Tagebuch aus, das ihnen Geschehnisse in der Zukunft anzeigt, und ihre Besitzer sollen diese Informationen nutzen, um die jeweils anderen elf Tagebuch-Besitzer umzubringen. Der Preis für den glücklichen Gewinner: die Nachfolge auf den Thron von Zeit und Raum!

Mirai Nikki | Yukiteru Amano ("Yuki")

Das ist richtig, Deus hat offenbar keinen Bock mehr auf seinen Job und will dem Sieger seine Macht über die Zukunft der Welt verleihen. Und wie sonst findet man einen geeigneten Kandidaten, wenn nicht in einem künstlichen Wettkampf zwischen pubertierenden Jugendlichen und wahnsinnigen Freaks um Leben und Tod, dessen Regeln und Bedingungen in keinerlei Verbindung zu den Anforderungen des Jobs stehen?

MIrai Nikki | Deus Ex Machina erklärt die Regeln des Spiels

Die Regeln sind denkbar einfach: Jedes Tagebuch richtet seinen Fokus auf einen speziellen Ausschnitt der Zukunft, daher sieht jeder Wettbewerber andere Vorhersagen. Diese sind nicht in Stein gemeißelt, sondern lassen sich eben dank des vorzeitigen Wissens um sie rechtzeitig vermeiden. Deus füttert seine Kandidaten also mit Informationen aus einer bestimmten Perspektive und ermuntert sie indirekt, sich zeitweilig untereinander zu verbünden, um ihr Bild von der Zukunft zu ergänzen. Außerdem löst sich derjenige in Nichts auf, dessen Tagebuch beschädigt wurde.

Bereits diese Eckpfeiler der Story lassen mich mit folgenden Fragen zurück:

  1. Warum verschenkt Deus seinen Posten, wenn es ihm nach eigenen Worten so viel Spaß macht, die mit ihm verbundene Macht zum eigenen Amüsement einzusetzen? Ist es so lustig, für einen Zeitraum, der seiner Wahrnehmung nach sicherlich ein Wimpernschlag ist, ein Dutzend gewöhnlicher Menschen gegeneinander zu hetzen, dass er dafür Millionen von Jahren göttlicher Macht aufgibt? Welche Motivation treibt ihn an außer “Ich bin schon ein verrücktes Huhn, nihihi!”?
  2. Wieso wählt er ausgerechnet zwölf Personen, die einen an der Klatsche haben, aber weder die intellektuellen noch psychischen Voraussetzungen, mit seiner göttlichen Macht umzugehen? Wirklich, die meisten Leute, die er für seine möglichen Nachfolger hält, sind so lachhaft stereotyp, dass sie mehr Karikaturen als ernsthafte Konkurrenten darstellen. Bereits ihre Vorstellung am Ende der ersten Folge gerät zu einer Freakshow deformierter Körper und schrillen Auftretens.
  3. Auf welche Weise qualifizieren Morde, die mithilfe von Handys verübt werden, einen zukünftigen Gott von Raum und Zeit? Ist die Arbeit dieses Gottes nicht etwas komplizierter, vielseitiger und, wenn man Deus’ eigene Arbeitsweise zum Maßstab nimmt, nämlich mit seinem Hintern vor Monitoren zu sitzen und in die Tasten zu hauen, vollkommen und in jeder Hinsicht anders als dieser Wettkampf? Genauso gut könnten die Kandidaten mit Future Cards pokern oder mit Future Dice “Mensch ärgere dich nicht” spielen.
  4. Warum erklärt Deus die Regeln des Spiels erst, nachdem der erste Kandidat getötet wurde? Der Tote kannte die Regeln offensichtlich schon vor der Hauptperson, und die anderen Kandidaten ihrer unglaublich gelassenen Reaktion auf Deus’ Erklärung nach zu urteilen ebenfalls, doch welchen Sinn macht eine Auslese, wenn nicht alle mit den gleichen Chancen beginnen? Oder war der erste Tote bereits als “Tutorial” für die Hauptperson einkalkuliert, und Deus hat dem Ausgang mithilfe seiner Fähigkeiten ein wenig nachgeholfen?
  5. Warum wirken die Kandidaten so begeistert, Deus’ göttliche Stellung einzunehmen? Ja, ja, wenn man die Macht hat, hat man die Macht, aber wozu wollen sie die Macht benutzen? Die Faszination des Göttlichen verstehe ich durchaus, nur können sich die Motive, diese Macht anzustreben, stark unterscheiden, und der unreflektierte Wille der Wettkämpfer am Ende der ersten Folge irritiert mich. Man könnte ihn damit erklären, dass Deus nur Personen ausgewählt hat, die unbedingt für diese Macht töten würden, aber Yuki ist ja ganz offensichtlich nicht von diesem Willen beseelt und muss zum Töten getragen werden. Auf mich wirkt die Ausgangslage inkonsistent und gedankenlos geschrieben.

Mirai Nikki | Deus Ex Machina und die Diary-Benutzer

Deus’ Verhalten und seine Spielregeln ergeben auf den zweiten Blick keinen Sinn. Zumindest nicht nach den ersten sechs Episoden, die ich bisher kenne, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser Eindruck beabsichtigt ist, müsste die Hauptperson Yuki sich die gleichen Fragen stellen, um diese Kluft zwischen Zuschauer und Geschehen wieder zu schließen und zu signalisieren: “Das klärt sich alles noch auf!”

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5 Responses to Mirai Nikki: Deus Ex Machina

  1. Hotaru Kago says:

    Ich habe den 1. Band von Mirai Nikki gelesen. Schon ganz nett, aber leider nicht so fesselnd, wie ich es gehofft hatte. Die meisten Charas sagten mir bisher nicht so zu und Deus nervt mich ziemlich. Hm.

  2. Louise de Vallière says:

    Zu deinen Fragen zur Story: Bei deiner ersten Frage fragst du nach dem Grund, warum Deus seinen Posten verschenkt. Dies wird aber am Anfang von Folge 6 erläutert! Dieses kleine Mädchen was bei Deus ist, sagt, dass sie hofft, dass ein Nachfolger gewählt wird bevor Deus’ Körper verrottet. Also: Da Deus am ende seiner Tage angekommen ist, braucht er einen Nachfolger. Damit hätte sich deine Frage wohl geklärt

    • Kelhim says:

      Die Begründung ist mir dann, zugegeben, entgangen. Danke für die Richtigstellung! Angesichts all der anderen offenen Fragen ist das allerdings ein Tropfen auf dem heißen Stein. Falls du ein Fan der Serie bist und ich dich ein bisschen zur Weißglut treiben darf, empfehle ich dir die anderen Teile dieser Artikelserie. *g*

      Für mich keine Serie, an die man sich in ein paar Jahren ihrer ausgeklügelten Story wegen erinnern würde – eher weil sie, das gebe ich zu, sehr spannend ist!

      • Orihalcon says:

        Achtung, Spoiler!

        Lest den Manga!!!

        Ich habe den kompletten Band gelesen und kann vielleicht mehr zu diesem Manga sagen.

        Zu 1.
        Mit Deus ist es so wie Louise bereits sagte, seine Zeit ist abgelaufen und er ist dem Verfall sehr nahe.
        Genau genommen beginnt das Spiel genau 3 Monate vor dem Tot Deus und dem Kollaps der Welt.
        Also bedeutet das nicht das Deus keinen Bock mehr hat auf seinen Job hat, sondern der Zahn der Zeit frisst Ihn bald auf (welch Ironie als Gott der Zeit).

        2.
        Die Zahl 12 würde ich einfach mal nach dem Ziffernblatt einer Uhr begründen denn wie wir wissen, Gott der Zeit, 12 Stunden, na? Klickert’s?

        “Fast” alle Spieler die er ausgewählt hat, besitzen eine Vergangenheit die sie emotional stark belastet.

        Ausserdem sind Sie alle notorische Tagebuchschreiber und schreiben die Taten und Ereignisse die Ihnen oder anderen wiederfahren sind nieder.

        So auch wurden schließlich auch die Charackteristiken der “Future Diaries” festgelegt.
        12 unterschiedliche Bücher wurden erschaffen.
        Folglich mussten demnach auch Spieler ausgewählt werden, zu denen eines der 12 Diaries passte.

        Hier mal die ersten 3 Teilnehmer im Detail:

        The 1st: Ameno Yukiteru (Charackteristik: Beobachter):
        Er bekam das “Radar Diary”, weil er sein Tagebuch schon immer dazu benutzt hat, Dinge reinzuschreiben, die immer um Ihn herum geschahen und deren Einträge nie Ihn selbst betroffen haben. (Und ein Radar pingt sich für gewöhnlich auch nicht selbst an und sagt hier bin ich.)

        The 2nd Gasai Yuno (Charackteristik: Stalker)
        Ihr wurde das “Searcher Diary” gegeben.
        Es besitzt die fiese Fähigkeit einfach alles aufzuzeichnen, was einer bestimmten Zielperson Ihrer Wahl in einem begrenzten Zeitraum in der Zukunft wiederfährt, egal wo Sie oder Ihr Ziel sich zu diesem Zeitpunkt befinden. Ihr entgeht nichts!
        (Bei einer Freundin mit solch einer Ability sollte man also lieber Treu bleiben *hust*)

        The 3rd ist der Mathelehrer von Yuki und Yuno (Charachteristik: Serienkiller)
        Sein Diary wurde nicht erläutert, doch anhand seiner Charackteristik als Serienkiller wird er wohl immer aufgeschrieben haben, Wen er Wann, Wo, und Wie abgeschlachtet hat.
        Folglich kann er mit seinem “Future Diary” die Position seines Opfers vorhersagen und diesem so auflauern.
        Er ist auch der erste der Stirbt und hier wird deutlich gezeigt, was mit dem Inhaber eines Diary passiert, das zerstört wird.

        Der Grund, warum er Yuki ins Visier genommen hat wird die Note seines Überraschungstests gewesen sein.
        Ein Schüler der sich sonst im mittleren Durchschnitt bewegt schreibt Urplötzlich nur noch 1er mit voller Punktezahl in jedem seiner Tests? Ja ne is klar…

        Und so weiter den Rest lasse ich mal lieber Offen…

        3.
        Warum Mord?
        Sowas kann man auch “Natürliche Auslese” bezeichnen ;)
        Aber ernsthafter, ich würde einfach vermuten das wir hier den klassischen Test zu Entscheidungungen gesehen haben wie man es schon früher in jedem Krieg gesehen hat:
        “Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen wo ich mir jemanden zum Freund, bzw. zum Feind machen will?”

        4.
        Das ist nur zur hälfte Richtig…
        Wahr ist, dass die Anzahl der Spieler erst nach dem ersten toten wirklich bekannt wird.
        Jedem aber wurde mitunter bereits vorher gesagt das der Besitzer eines Diarys das Schicksal des selbigen teilt.
        Wird es zerstört, wird auch der Besitzer vernichtet.

        Zum ersten Toten habe ich beim “The 3rd” ja schon erläutert warum :)

        5.
        Das ist nicht ganz richtig.
        Nicht alle sind so Euphorisch wie du sagst.
        Die Brutalen und Machtgierigen unter den Teilnehmern haben durchaus ein nachvollziehbares Interesse am Thron, bei anderen stellt sich dieses Verlangen jedoch erst später wegen eingetretenen Ereignissen oder sogar gar nicht ein.

        Aber dazu sag ich nu lieber nix mehr :)

        Hoffe konnte dir einige Fragen einigermaßen Sinnvoll erklären…
        Wenn nicht, Read the Manga! :)

        • Kelhim says:

          Vielen Dank für die sehr ausführlichen Antworten! Bei Frage 1 gestehe ich euch beiden zu, eine gute Erklärung für Deus’ Suche nach einem Nachfolger zu geben. Was seine Motive angeht, gerade diese zwölf Nasen auszusuchen, und was sie eigentlich für den Job qualifiziert, außer ein Tagebuch zu schreiben (wie wahrscheinlich Hunderttausende alleine in Japan ebenfalls) bleibe ich skeptisch. ;) Was mich außerdem zu der sechsten Frage bringt, warum er seinen Nachfolger in einem einzigen Land oder sogar überwiegend in einer einzigen Stadt sucht – klassischer Fall von Plot Device in dem Sinn, dass es schwierig wäre, eine solche Geschichte eines Wettkampfes international stattfinden zu lassen.

          Ihr solltet wirklich meine Folgeartikel zu den ersten Tagebuch-Besitzern lesen, da bin ich viel boshafter. ^^

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