Memento Story: Der Teufel steckt im Detail! Geschichten erzählen, nicht beschreiben.

Im ersten Beitrag meiner den kreativen Betrieb revolutionierenden Artikelreihe Memento Story (Teil 1: Mut zur Lücke! Wo Geschichten wirklich entstehen …) forderte ich, den Zuschauer bzw. Leser in den Mittelpunkt zu stellen und von seinen Erwartungen, seinem Vorwissen und seiner Phantasie auszugehen, um Geschichten zu schaffen, die ihn wirklich interessieren. Viel mehr noch, ich behauptete, dass er sowieso aus jedem beliebigen Stoff seine eigenen Geschichten webt, weil es in der Natur des Menschen liegt. Warum bauen wir nicht stärker auf seinen kreativen Fähigkeiten auf, statt ihn mit Hyperrealismus und immer mehr vorgegebenen Informationen zu füttern – zu erdücken und zu langweilen?

Memento Story

Heute möchte ich von meinem Elfenbeinturm herabsteigen und für verschiedene Medien aufzeigen, wie eine geringere Detailtiefe tatsächlich mehr Spannung erzeugt. Ihr habt richtig gehört, all ihr gefeierten Meister eurer Kunst! Was hättet ihr nur erreichen können, wenn ihr diesen Artikel vorher gelesen hättet?! Ich sollte am besten noch darauf hinweisen, dass nun viele geschmackliche Urteile folgen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle unterschreiben würden, und das ist auch nicht notwendig, um meine allgemeine Behauptung zu illustrieren, die ich allerdings sehr wohl für eher richtig halte.

Beginnen wir mit einem Vergleich zweier Titelbilder, die verschiedene Auflagen des Romans Der Wilde Wald der niederländischen Schriftstellerin Tonke Dragt zieren:

Der Wilde Wald: Cover früher und heute

Während das erste Titelbild eine Schar der sogenannten “Ritter mit den roten Schilden” zeigt, die (vorbei an einer stolzen Wegmarke von Baum) in oder durch den namensgebenden Wilden Wald reiten, und insgesamt nur wenige Elemente und Farben verwendet, setzt das andere Bild offenbar eine dramatische Situation aus dem Buch detailgeschmückt um. Mir persönlich vermittelt das erste Bild: Geheimnisse, Rätsel, Unwägbarkeiten. Bei seinem Anblick frage ich mich, wer diese schwarzen Ritter sein mögen und was in dem Wald vorgehen mag – das zweite Bild stellt mir keine Fragen, es will einfach nur meine Aufmerksamkeit. Das korrespondiert mit meinem Erlebnis des Herrn der Ringe, der sich als Roman im Gegensatz zu allen je nach Standpunkt wohlmeinenden oder übelwollenden Kritikern nicht durch eine schier endlose Detailtiefe auszeichnete (wohl aber -reichtum), denn der Hobbit und die sich anschließende Trilogie waren eben keine historischen Werke über eine fiktive Welt, sondern einzelne Geschichten, die sich in dieser Welt abspielten und mit Liedern und Halbsätzen lediglich die Verbindungen zu dem Gesamtwerk schufen, das man sich interessenshalber zur Gemüte führen konnte oder auch nicht. Mein Bücherregal berherbergt das Silmarillion, verschiedene Lexika, die Annalen, hey, sogar ein Kartenwerk, das Frodos Reise durch Mittelerde beinahe minutiös dokumentiert – aber diese Materialfülle zeigt eben, wie optional und vor allem wie external diese ganzen Informationen sind. Für das Verständnis und den Genuss der Romane ist der Leser niemals auf sie angewiesen. Der melancholische Zauber der Romane entsteht durch die bloße Andeutung von Erhabenheit, Würde und Glorie – die gibt’s jedoch in Mengen.

Was bedeutet das für die Textebene? Offensichtlich rede ich keinem Minimalismus das Wort. Man sollte sich einfach fragen, was ein längerer zusammenhängender Abschnitt der Geschichte gibt, und wenn man keinen einleuchtenden Grund findet, handelt es sich um einen Seitenfüller und kann getrost wieder entfernt werden. Dazu ein Beispiel aus meinem ersten ambitionierteren Roman, ein Gemeinschaftsprojekt vor fast einem Jahrzehnt mit einem Freund, auf dessen Initiative und Ideenreichtum hin es überhaupt erst entstand, während ich anfangs noch mehr für formales Korrigieren zuständig war, bevor mich der Ehrgeiz packte. Unsere gemeinsame schlechte Angewohnheit damals war die optische Beschreibung eines jeden neuen Charakters: Er trug eine dunkelblaue Hose, ein hellblaues Hemd und eine Brille. Sein kurzes Haar war blond, ein Bart umspielte seine Lippen, seine freundlich dreinblickenden Augen waren von gra…. Schnarch. Natürlich kann man dies unterhaltsamer schreiben, aber darauf möchte ich nicht hinaus. Wenn es sich um Personen handelt, deren Äußeres so himmelschreiend typisch und unaufregend und für die Geschichte von keinerlei Relevanz ist, warum beschreibt man es dann überhaupt jedes einzelne Mal? Ich lebe in der Gegenwart. Ich weiß, wie Menschen aussehen, danke. Um ein weiteres Beispiel zu geben, der schlimmste Romanbeginn, den ich jemals lesen musste … hier die ersten Sätze aus Irrungen, Wirrungen von Theodor Fontane, dem alten Spannungstöter:

An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem “Zoologischen”, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Ziffernblatt unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen. (…)

An dieser Stelle könnte der Leser beinahe einen Lageplan entwerfen, doch dieses Haus spielt, als Haus, nie wieder eine Rolle. Sofern ich mich recht erinnere, denn nach der Lektüre war ich nicht mehr ganz so wach und aufmerksam. Lange ermüdende Absätze ohne jede Bedeutung sind kein Zeichen für Meisterschaft. Für Videospiele und naturgemäß in besonderem Maße für RPGs gilt das gleiche: Das großartige PC-Rollenspiel Planescape: Torment ist schon ziemlich nah an der Grenze von Videspiel hin zum Spielbuch, und kann selbst seine lesefreudige Klientel manchmal mit langen, eher für ein ausgewachsenes Buch geeigneten Absätzen minutenlang an den Dialogkasten fesseln. An diesem Punkt schwächelte PST etwas, natürlich auch technisch bedingt, denn jede Zeile Text ersetzt viele Zeilen Programmcode und Bilder für Animationen. Wie man sich von diesen Textblöcken lösen und trotzdem eine sehr dichte Atmosphäre schaffen kann, zeigten (wiederum aus der Videospielwelt) Thief 1 und Thief 2 mit ihren Zwischensequenzen, die fast ausschließlich Schattenrisse oder italienische und Detaileinstellungen verwenden und das Äußere der zu spielenden Hauptperson Garrett niemals verraten. Der ansonsten beachtliche Nachfolger Thief 3 brach leider mit dieser Tradition, was Garrett einiges von seiner geheimnisvollen, diebischen Ausstrahlung nahm.

Zurück zur Literatur. Das Spiel mit den Assoziationen des Lesers betreibt auch Christian Krachts Faserland, dessen namenloser Ich-Erzähler auf seiner Reise von Sylt bis in die Schweiz mit Markennamen, Vorurteilen und Gedankenfetzen nur so um sich wirft und doch wenig bis nichts über sich selbst verrät – und wenn, dann ziemlich Widersprüchliches. Das schmale Bändchen setzt auf jeder Seite einen Leser voraus, der die Referenzen auf das Milieu und die Gedankenwelt versteht, in die der Protagonist ihn wirft. Und wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm, denn es geht zu keinem Zeitpunkt um die Markenprodukte und In-Locations selbst. Die Gleichzeitigkeit von vorgeblich gefestigten Meinungen und Werten einerseits und von dem starken, fast verzweifelten Suchen nach ihrer unhinterfragten Entsprechung in Deutschland (dafür muss dann ersatzweise eine idealisierte Schweiz herhalten), das Gefühl des Lesers, wie der Ich-Erzähler dem Tiefpunkt immer näher zu torkeln … würden vollkommen verloren gehen, wenn der Autor alles fein säuberlich erklären würde, worauf er alles so munter verweist.

Das Aussparen von Informationen und das Füllen dieser Lücken durch unsere eigene Vorstellung findet sich in unserer ganz alltäglichen Wahrnehmung wieder, wenn wir nicht jedes Detail um uns herum wahrnehmen, sondern uns auf einen Ausschnitt konzentrieren und den interpretieren. Das ist ein Grund, warum Manga und Comics im Allgemeinen und Karikaturen funktionieren. Wer den grandiosen Strichmännchen-Webcomic xkcd kennt, weiß, was ich meine.

Was mir am Herzen liegt, sind nicht die Beschränkung auf möglichst kurze Textabschnitte, die Rückkehr zu ASCII-Zeichen in Videospielen und die Epoche der Farbkleckse und Strichmännchen, weil unsere Phantasie ja dadurch noch viel mehr einbezogen würde. Sondern Phantasie zuzulassen, wo ein Word of God, also eine Klarstellung des Künstlers, der Geschichte nicht wirklich zuträglich ist. Die Detailschwemme “geschieht” Künstlern, weil sie ihren Reichtum an Ideen mit uns teilen wollen. Oder weil sie besonders gründlich sein wollen. Sie geschieht mir. Manchmal erreicht man jedoch mehr, indem man sich selbst zurücknimmt und sein Werk loslässt. Man riskiert die Kontrolle über die Manifestation der eigenen Welt in den Köpfen der Rezipienten, aber man gewinnt viel mehr.

xkcd.com: Mutual

Loslassen werde ich jetzt ebenfalls … vielen Dank fürs Lesen! Über Meinungen und Kritik freue ich mich natürlich!

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