Tabus und Anime

Eigentlich ja ein hervorragendes Thema für Dear Fear: Die Attraktivität des Tabubruchs – und die oft hysterische Distanzierung von ihm. Verwandeln wir uns wieder in prüde, pseudo-aufgeklärte Spießer?

Ein unseliges Buch, welches 2010 die politische Debatte um Integration in Deutschland einerseits neu anstieß, andererseits über Monate hinweg vergiftete, verkaufte sich nicht wegen einer Fülle zweifelhaften statistischen Datenmaterials so überaus gut, sondern weil die Menschen unter dem Eindruck standen (oder stehen wollten), es würde ein Denk- und Sprechverbot zu diesem Thema geben. Gleichzeitig debattieren wir regelmäßig über gewaltbeinhaltende oder -verherrlichende Computerspiele, und ein paar versprengte Kritiker an der Peripherie (und Stephanie zu Guttenberg) beklagen eine überbordende Sexualisierung in den Medien. Sprich: Wir reden über Sittlichkeit und darüber, ob und wann wir Fiktion (in Büchern, Filmen, Musik, Spielen, etc.) sittlichen Beschränkungen unterstellen sollten.

Ich vergleiche hier Äpfel mit Birnen, der Punkt ist: Wir wollen immer über alles reden und immer alles wissen – aber bei Fiktion hört der Spaß auf!

Was?! Darüber kann man doch nicht schreiben!

Gleichzeitig erfreuen sich Anime, die es darauf anlegen, möglichst provokativ ein Tabu zu brechen, großer Beliebtheit. Gerade die letzten paar Seasons, in welche Fansub-Konsumenten das Anime-Jahr einzuteilen pflegen, waren reich an gezielten Tabubrüchen, und nach meinem persönlichen Eindruck kreisen sie seit Jahren fast ausschließlich um Sex, während Gewalt offenbar eine kreative Pause eingelegt hat. Kiss×Sis handelt von einem Jungen und seinen zwei älteren Zwillingsschwestern, die ihre romantischen Gefühle für ihn ziemlich offensiv zur Geltung bringen, um es vorsichtig auszudrücken. Nun sind alle drei Charaktere in einem Alter, gemeinsam die Oberschule besuchen zu können, und auch nicht blutsverwandt, aber solchen Absicherungen zum Trotz handelt es sich doch im Kern um die Umsetzung einer Inzest-Story und wird vom Publikum auch als solche verstanden und aufgenommen. Der Serie gelingt es, gleich einen doppelten Tabubruch zu inszenieren, nämlich sexuelle Handlungen zwischen Minderjährigen und Geschwistern, obwohl sie diesen Anspruch rein formal nicht erfüllt. In Yosuga no Sora fühlen sich zwar in klassischer “Harem”-Manier (um den unglücklichen Begriff zu verwenden, der sich eingebürgert hat) gleich alle weiblichen Nebencharaktere zum männlichen Protagonisten hingezogen, aber die eigentliche Attraktion der Geschichte, die sie erst aus der Masse des Genres heraushebt, ist das starke Verlangen seiner diesmal verwandten Schwester. Während diese beiden Serien wegen dramaturgischer und inhaltlicher Schwächen bald wieder in Vergessenheit geraten werden, sorgt das vor über drei Jahren in die Schlagzeilen geratene School Days noch heute für anerkennendes Nicken und Raunen: Die männliche Hauptperson startet als vollkommene Nullnummer, erhält in dem Harem-Szenario allerdings zahllose Gelegenheiten, sich zum triebgesteuerten und treulosen Dienstleister zu entwickeln und so zum möglicherweise meistgehassten Charakter der Animegeschichte zu werden. Ihren dauerhaften Ruf verdankt die Serie aber nicht der Kombination des Prinzips “Sex sells” mit einem vorbildlosen Arschloch in der Hauptrolle, sondern den psychischen und körperlichen Gewaltakten, die aus der, an geltenden gesellschaftlichen Maßstäben gemessen, sittlichen Verrohung folgen.

Viele Menschen, auch viele Otaku, werden sich von solchen Geschichten abgestoßen fühlen und sie zum Sinnbild eines zunehmend niveaulosen Animemarktes erklären. Blendeten wir diese Tabubrüche einmal aus, oder blendeten wir aus, dass es sich um solche handelt, und bewerteten wir alle drei Anime nach ihrer Handlung, den Charakteren und der handwerklichen Umsetzung, kämen wir zu sehr unterschiedlichen Noten, und wahrscheinlich würde School Days insgesamt besser abschneiden als die anderen beiden. Ich behaupte aber, dass die Ablehnung selbst dann enorm bliebe, wenn Handlung, Animation, Musik, Sound und Charaktere von hoher Qualität wären, aber zusätzlich die Tabubrüche blieben.

Yosuga no Sora: Kazuha, Akira und Sora

Woran scheitert Yosuga no Sora? A) Intelligente Story schreiben oder B) Geschwisterliebe

Wie stark diese Reflexe wirken, ließ sich beim Anlauf von Ore no Imouto ga Konna ni Kawaii Wake ga Nai (engl.: My Little Sister Can’t Be This Cute) beobachten, einer Serie, in der ein Bruder seiner Schwester hilft, in einem eher konservativen Umfeld mit den Schwierigkeiten ihres Otaku-Lebens zurechtzukommen, welches pikanterweise das Sammeln von Eroge beinhaltet, in denen jüngere Schwestern eine tragende Rolle spielen. Ob als ironisches Augenzwinkern oder als Provokation gedacht – diese Andeutung reichte aus, genug Vorurteile zu generieren, obwohl die Serie mit den zuvor genannten Serien nichts gemein hat, sondern im Gegenteil eher Parallelen zu Welcome to the N.H.K.! und der Thematisierung gesellschaftlichen Außenseitertums und Akzeptanzproblemen zeigt.

Im Jahr 2011 würden die wenigsten Menschen auf den Gedanken kommen, American Psycho sei ein gefährliches Buch, nur weil sein Protagonist ein gefährlicher Irrer ist. Es gibt aber bestimmt Menschen, denen das Buch als Buch nicht gefällt. Und niemand wirft Michael Corleone aus Der Pate vor, seine Frau zu belügen und skrupellos die Gegner seines Clans zu ermorden, obwohl Mord zu den Todsünden gehört und daher im ursprünglichen Sinn den Bruch eines Tabus bedeutet, das so alt wie die Menschheit ist.

Sollten wir nicht wieder stärker zwischen Realität und Fiktion, zwischen Voyeurismus und Darstellung unterscheiden und fiktive Geschichten wie Anime nicht wieder stärker nach ihrer Qualität als Fiktion beurteilen, statt sie zu moralisieren?

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4 Responses to Tabus und Anime

  1. garabagedoll says:

    Ich fand Yosuga no Sora nicht schlecht, es ist eben Fiktion und da darf man auch etwas mehr machen als bei realen Serien weil da höchstens die Suche von Seiyus ein Problem sein könnte.
    Aber es ist eben auch nicht so, dass es das nicht im realen Leben gibt, es gibt ebenfalls Inzest-Beziehungen und es gibt auch Streitereien die eben mit dem Tod enden – auch zwischen Jugendlichen.
    Natürlich sind das im RL noch stärkere Tabus als in Animeserien, man sieht in den Serien eben alles nicht so ernst – “Ist doch sowieso nur Zeichentrick.” Es IST eben auch genau das, was es ist, Zeichnungen, das hat nichts mehr mit der Realität zu tun und da finde ich Inzest auch nicht schlimm.
    Du hast mit dem letzten Abschnitt aber recht, Anime sollten ALS FIKTION bewertet werden, es existiert nicht. Ende. Aus. Fertig.
    (Oh Gott, ich wette es kapiert niemand, was ich mit dem sagen will.)

    • Och, ist doch wie dieser alte Witz – Dingwörter schreibt man groß, weil das Dinge sind, die man anfassen kann. Aber dann müsste man ja tiger und sonne statt Tiger und Sonne schreiben, wer will die denn schon anfassen… Fiktion ist nicht gleich Fiktion. Geschichten sind abstrakt und nicht anfassbar, das ist richtig, aber das sind Institutionen und Ideologien genauso. Und Geschichten, ob Anime oder sonstwo, haben keine geringere Wirkkraft. Sonst gäbe es kein Business, keine Fandoms, keine Blogs.

      Kelhim, ich würde dir widersprechen. Mein Eindruck ist nicht, dass unter Animeschauenden irgendein signifikanter Impuls da wäre, zu stark zu moralisieren. Im Gegenteil. Zumal in aller Regel, wenn nicht sogar fast ausnahmslos, fast nur voyeuristische und quasi nie reflektierte Bezüge zum flavor of the month-Tabuthema hergestellt werden. Nabokovs Lolita oder Starship Troopers sind eben nicht (nur) sensationalistisch und bedürfnisbefriedigend, sondern thematisieren sich und ihre Motive, leisten irgendeinen Beitrag zur Diskussion. Das fehlt mir extrem bei Anime und Manga.

      Der Unterschied wird vielleicht auch klar, wenn man zum Beispiel den Hourou Musuko-Manga liest oder den aktuell angelaufenen Anime schaut, der tatsächlich gender issues ernsthaft behandelt und respektvoll darstellt, und man irgendeinen beliebigen Trap-Anime heranzieht, in dem man sich an der Ausbeulung im Röckchen aufgeilt. Ich sehe keinen Grund, für letztere irgendeine Art schon Schutz auszurufen. Wenn sie scheiße sind, sind sie halt scheiße.

      Props aber für die Einleitung :D

      • Kelhim says:

        Ohne Frage gibt es Werke, die einfach scheiße sind, und die mangelnde Qualität muss man nicht verteidigen, nur weil sie Tabus brechen oder glauben, es zu tun. Aber umgekehrt verhält es sich genauso. Und wenn Werke natürlich Diskussionen anstoßen oder an ihnen teilnehmen können, ist das eine vollkommen optionale Kiste.

        Romane, Filme, Zeichentrick kann man nicht mit Institutionen im Sinne von Vereinen gleichsetzen, die eine politische Agenda verfolgen – für sie gelten die Gesetze, und alles Weitere ist künstlerische Freiheit. Gesellschaften sind gefestigt genug, ihre Lebensweise nicht wegen eines Gewalt-, Inzest- oder sonstiger Werke zu ändern – alles andere würde mehr über den Zustand der Gesellschaft aussagen, in der sie entstehen, als über die Werke selbst. Ich finde also, du gehst nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein an die Frage heran. ;)

        Obwohl ich mir vorstellen kann, dass Hourou Musuko eine interessante Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Identität bietet, kann man die Reihe wahrscheinlich kaum sinnvoll mit Vertretern des Ecchi-Genres vergleichen, weil die Zielrichtung sich grundsätzlich unterscheidet. Man macht es sich einfach, Orangen deshalb abzulehnen, weil sie keine Pfirsiche sind.

  2. Twaldigas says:

    Wow. Schöner Artikel, der mit einer Frage geschlossen wird, über die man durchaus mal nachdenken sollte.
    Ich finde das diese ganze Thematik, die Vermischung von Realität und Fiktion, zu oft in den Medien diskutiert wurde. Dabei ist es egal, ob es sich um Animes, Filme, Spiele oder Bücher handelt. Es ist einfach eine Tatsache, dass sich Fiktion und Wirklichkeit viel zu selten decken und überschneiden, als das man darüber gleich eine Debatte anzetteln müsste.
    Wenn man Tabubrüche nicht mehr in der Fiktion begehen kann, wo denn dann? Das ist es doch auch, was manche Filme oder Bücher ausmacht.

    Gruß Twaldigas

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