First Impression: Pluto

Also die Geschichte geht so, ich besuche meine örtliche Buchhandlung, die wenigstens zwei große Regale für Manga reserviert, aber es einfach nie auf die Reihe kriegt, genug Exemplare von Neuerscheinungen zu bestellen, was mich auch diesmal in die psychologisch durchsichtige Situation drängte, entweder mit leeren Händen hinaus zu gehen oder mir ein Trostpflaster aus dem Bestand vor mir zu pflücken. Wofür ich mich entschied, bedarf keiner Erklärung. Dummerweise setzen sich zwei Drittel der beiden Mangaregale aus Shounen Ai zusammen, die mir als Bereicherung und Ergänzung der Genrevielfalt wirklich viel bedeuten, die allerdings (wie Spitz & Spitz sagen würden) für mich persönlich uninteressant und in dieser Dominanz auch leicht enervierend sind. Dann stach mir Pluto ins Auge.

Pluto: Das Cover hingegen ist eher langweilig.

Hatte ich richtig gelesen? Ein mehrbändiger Science-Fiction-Manga mit Krimi-Elementen in einer nicht zu fernen, nicht zu dystopischen Zukunft, der mit menschenähnlichen Robotern die Frage nach dem letzten Gegensatz zwischen Mensch und Maschine aufwirft (eins meiner philophischen Lieblingsthemen), ohne sie tatsächlich zum zentralen Thema der Geschichte zu erheben? I’m sold, Urasawa. So heißt nämlich der Zeichner, Naoki Urasawa, ein ziemlich großer Name in seiner Branche seit seinen Erfolgen mit MONSTER und YARAWA!. Mit seinem Werk Pluto setzt er eine Hommage an den berühmten Manga-Meilenstein Astro Boy (im Original: Tetsuwan Atomu) des alten Meisters Osamu Tezuka, nur habe ich diesen Klassiker niemals gesehen oder gelesen und kann daher praktischerweise gar nicht beurteilen, wie gut ihm das gelungen ist. Ich lese den Manga daher als vollkommen eigenes Werk und erkenne nicht alle Analogien zum großen Ursprungswerk. (Die Begegnung in der Schlussszene habe ich allerdings schon verstanden!)

Der täuschend menschlich wirkende Android namens Gesicht, Europol-Kommissar aus Deutschland, hat es gleich mit zwei schwierigen Fällen zu tun: Da ist der von allen, Menschen wie Robotern, innig geliebte gutmütige Roboter Mont Blanc, dessen brutal auseinander genommene Leiche während eines Waldbrands gefunden wird. Neben seinem metallenen Schädel stecken zwei lange Äste im Erdboden – als trüge Mont Blanc ein Geweih. Wenig später finden die Ermittler in einem anderen Fall die Leiche eines Aktivisten für Robotorrechte – in seinem Kopf: zwei lange Metall- oder Kunstoffstäbe einer Gelenklampe, ein Geweih. Hängen die beiden Fälle zusammen, wurde Mont Blanc ermordert?

Meine Meinung:

Gemessen am Alter der Vorlage, mehrere Jahrzehnte, ist Pluto kein frischer Wind, und doch ist der Manga spannender, anspruchsvoller, glaubwürdiger und ja: auch bewegender als vieles, was ich in den letzten Jahren nicht nur im Sci-Fi-Genre, sondern überhaupt gelesen habe. Die Zeichnungen sind klar, zeigen viel Liebe zum Detail und erwecken eine Welt zum Leben, die einen gesamten Band lang ohne actiongeladene Kämpfe auskommt. Und als Kölner habe ich mich wunderbar über die futuristische Darstellung Düsseldorfs mit Highways und unzähligen Wolkenkratzerschluchten amüsiert. Wer noch ein Geschenk für mangaphile Freunde und Bekannte oder guten Lesestoff für sich selber sucht, kann alle Bedenken fallen lassen und einfach Pluto besorgen! In diesem Jahr 2010 hat der Manga übrigens den japanischen Science-Fiction-Preis Seiun Award erhalten.

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2 Responses to First Impression: Pluto

  1. garabagedoll says:

    Pluto ist wäre auch für mich ein Manga. Doch er muss vorerst warten, ich hab mir fest vorgenommen, zuerst die (vielen) angefangen Mangaserien zu beenden bevor ich neues kaufe, es ist einfach zu viel.
    Durch deinen Beitrag habe ich auf jeden Fall wieder die Bestätigung erhalten, dass er nicht schlecht sein wird.

    • Kelhim says:

      Gut genug für deine “Manga, die ich irgendwann mal lesen muss”-Liste. ;) Meine wächst auch ständig an. Übrigens habe ich bald noch eine Seinen-Empfehlung, die gute Presse verdient hat.

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