OpenMW: Kelhim spielt Morrowind mit einer Wagenladung von Mods

OpenMW-Test: Nachthimmel

Morrowind! Der dritte Teil der „The Elder Scrolls“-Reihe wird von vielen Spielern bis heute für den besten von allen gehalten. Warum stimme ich in den Lobgesang auf ein mittlerweile fast dreizehn Jahre altes Spiel ein, dessen Welt zu 80 % aus Ascheland, Einöden und Sümpfen besteht und von gottverdammt hässlichen NPCs mit Namen wie aus einem Fantasy-Namensgenerator bevölkert wird, wobei „bevölkern“ ein Euphemismus für „stocksteif in der Gegend rumstehen“ ist? Die außergewöhnliche Vielfalt, die Andersartigkeit sowie, ja, das Harsche und Abweisende der Landschaften und der Architektur ziehen mich immer wieder in diese harte Welt zurück. Auf den zweiten Blick entpuppt sie sich als erstaunlich lebendig, bunt, geschichtsträchtig und immer wieder: originell. Oblivion und Skyrim, die ihrem Vorgänger wenigstens technisch überlegen sind, wecken in mir nicht die gleiche Lust auf Abenteuer und Erkundung fremder Länder. Doch warum versuchen, meine Liebe zu diesem merkwürdigen Spiel zu beschreiben, wenn es ein viel talentierterer Schreiber schon getan hat? „Rutskarn“ fasst es in seiner Reihe The Altered Scrolls in wunderschöne Worte.

OpenMW

Auch unter Ubuntu spiele ich alle paar Jahre wieder Morrowind, zumal es mithilfe von Wine fantastisch unter Linux läuft. Seit einigen Jahren jedoch schreiben Programmierer im Projekt OpenMW an einer neuen und freien Engine für Spiele wie Morrowind, und eben dieses Spiel dient ihnen als Referenzspiel. Ein schöner Nebeneffekt dieses Projekts ist die angestrebte Betriebssystemunabhängigkeit, sodass OpenMW nicht nur unter Windows, sondern auch unter Mac OS X und Linux läuft. Das Aufregende ist dabei, dass Features, die bisher unter Windows umständlich in parallel zum Spiel laufenden Programmen wie dem MGE (Morrowind Graphics Extender) zur Verfügung gestellt werden, aber unter anderen Betriebssystemen nicht funktionieren, zukünftig direkt in die neue Engine OpenMW integriert werden könnten.

Seit Monaten lese ich die Wasserstandsmeldungen der Entwickler, wie gut sich Morrowind mit ihrer neuen Engine spielen lässt, und jetzt scheint ein normales Spiel ohne größere Fehler in Reichweite zu sein. Ich habe es einfach mal selbst probiert!

Für mich ist es ein doppelt interessantes Experiment. Glaubt es oder nicht, ich habe Morrowind noch nie mit Mods gespielt – keine Grafik-Mods, keine neuen Quests, selbst die offiziellen Add-ons habe ich nur mal ganz kurz angespielt. Aber für meinen Test der OpenMW-Fähigkeiten greifen nun zahlreiche Mods tief in Vanilla-Morrowind ein und verändern die Grafik, Logik und allgemeine Atmosphäre. Hier eine nach bestem Gewissen vollständige Liste der installierten Mods:

  • Vibrant Morrowind 4.0 – Ein umfassender Texturen-Replacer, der die standardmäßig manchmal sehr dröge Spielwelt mit wunderschönen hochauflösenden farbenprächtigen Texturen ausstattet. Landschaften, Gebäude und Inneneinrichtungen waren niemals so schön!
  • Grass Mod – Fügt zahlreichen Regionen endlich Gras hinzu. Ich verwende die nicht-animierte Version für meinen Test.
  • Vurts zahlreiche Tree-Mods, jeweils in Version II – Wunderschöne animierte Bäume schmücken zahlreiche Regionen.
  • LizTail’s New Beast Bodies – Argonier und Khajit haben bessere Modelle.
  • Illy’s Fresh Faces II – Ersetzt die Standard-Gesichter und -Frisuren von Elfen und Menschen durch hochauflösende und von bekannten Persönlichkeiten inspirierte Gesichter und Frisuren.
  • Barabus‘ Orcs – Ersetzt die Standard-Gesichter der Orks durch weniger bescheuert aussehende Gesichter.
  • Better Bodies – Bessere Körpertexturen und -modelle.
  • LizTail’s Fixed BB Meshes – Modellkorrekturen für Better Bodies.
  • Better Clothes – Bessere Kleidungstexturen und -modelle.
  • Darknut’s Clothes – Hochauflösende Kleidungstexturen für Better Clothes.
  • Darknut’s Armor – Hochauflösende Rüstungstexturen.
  • Darknut’s Weapons – Hochauflösende Waffentexturen.
  • Darknut’s Monsters – Hochauflösende Monstertexturen.
  • Ice‘ Robe Replacer für NioLiv-Modelle – Kreative und hochauflösende Roben als Ersatz für Standardroben.
  • Imperial Presence – Fügt dem Spiel deutlich mehr kaiserliche Wachen und Kasernen hinzu, um das Kaiserreich als Besatzungsmacht glaubwürdiger zu machen.
  • BTB’s Sorted Alchemy AOF – Ersetzt die Standardgrafiken, -modelle und -texturen von Tränken.
  • Graphic Herbalism – Pflanzen werden nicht mehr als kistenähnliche Container behandelt, sondern ihre Früchte können mit einem Klick gepflückt werden.
  • Animal Realism – Die meisten Tiere (und Monster) greifen nicht mehr ohne Sinn, Verstand und Grund an, was sich ihnen nähert, sondern fliehen oder wehren sich. 90 % WENIGER CLIFF RACERS!!!!!

OpenMW-Test: Seyda Neen

Trotz der dermaßen hochgerüsteten Morrowind-Installation läuft das Spiel unter Ubuntu 14.04 auf meinem ollen Intel Celeron der Haswell-Generation mit einer GeForce GTX 750 bisher flüssig und beinahe vollständig fehlerfrei: Von den animierten Bäumen sollen eigentlich Blätter herunterschweben, aber ich sehe nur hellgraue Würfel – fällt aber in der ganzen Schönheit der Landschaften nicht unangenehm auf. Nach Verlassen von Seyda Neen ist der Icarus-Rollen-Benutzer nicht vom Himmel gefallen, was er meiner Erinnerung nach eigentlich mit einem lauten Schrei tun sollte. Ansonsten ist mir bisher noch nichts negativ aufgefallen! Momentan halte ich mich in Balmora auf und entscheide mich, welcher Gilde ich zuerst beitreten soll. Ich spiele eine unter dem Sternzeichen Turm geborene bretonische Agentin, also bietet sich die Diebesgilde an – die neue Kaserne des Steuer- und Zensusbüros in Seyda Neen habe ich schon mal um teure Bücher, edle Getränke und schönere Kleidung erleichtert. 😀

Respekt an die OpenMW-Entwickler und (mit bis zu einem Jahrzehnt Verspätung) an die jeweiligen Modder!

Posted in RPG | Tagged , | Leave a comment

E-Books, Adobe-DRM und Linux – eine Anleitung

Der E-Reader trat also in mein Leben. Ein schönes weißes Modell mit integrierter Schutzklappe und mit zusätzlichen Drucktasten unterm Touchscreen, ein im Handel nicht mehr erhältlicher Sony PRS-T3. Natürlich wollte ich ihn sofort ausprobieren und mit einem E-Book füttern! Zuerst musste ich aber mal ein Buch auswählen.

(Zwei Stunden später … Ich bin SEHR wählerisch, was Romane angeht, und ich schäme mich nicht zu sagen, dass meine Kaufentscheidung auch davon abhängt, in welcher Schriftgröße mir der Buchtitel oder, schlimmer noch, der Name des Autors entgegenschreit und wie geschmacklos und einfallslos das Cover gestaltet ist, aber das ist eine andere Geschichte …)

Dann stellte sich die Frage, in welcher Online-Buchhandlung ich das Buch kaufe. Sicher hätte ich einen der als App in den Reader eingebunden Shops wählen können, aber ehrlich gesagt habe ich schon genug Benutzerkonten, darunter bei einer großen deutschen Buchhandlungskette, also warum nicht einfach dort kaufen? Natürlich ist das Buch kopiergeschützt, davon ging ich bereits aus, aber das dürfte kein Problem werden, schließlich habe ich das Buch ja ordentlich gekauft und besitze nun einen Reader. Das Buch muss jetzt nur noch aus dem Shop auf das Gerät. Und eine Kopie auf dem Rechner hätte ich auch gerne, falls das Gerät mal den Geist aufgibt, aber eine gewisse Anzahl an Kopien steht mir ja zu, was sollte also schiefgehen?

Stellte sich heraus, dass ich keine EPUB-Datei, sondern nur eine ACSM-Datei aus dem Shop herunterladen kann. Die war nur eineinhalb Kilobyte groß, das sah zu klein für ein Buch aus. Um die EPUB-Datei zu erhalten, brauchte ich erst einmal eine „Adobe-ID“, mit der ich mich ausweise und das mir noch gar nicht vorliegende Buch auf mich ausstelle. Fantastisch, so sprang bei der Sache doch noch ein weiteres Benutzerkonto heraus, ausgerechnet bei einem der unsympathischsten Software-Unternehmen, die mir einfallen. Aber nun gut, da musste ich wohl in den sauren Apfel beißen, wollte ich mich nicht von einem Großteil des E-Book-Marktes abschneiden.

Adobe Digital Editions

Doch die „Adobe-ID“ reichte natürlich nicht. Nein, ich brauchte auch zwingend die Software Adobe Digital Editions, die mich gnädigerweise kostenlos an den Konzern kettet. Nur, und hier kommt der Haken, nutze ich seit fast einem Jahrzehnt ausschließlich Linux, ein im Weltmaßstab sicher unbedeutendes Desktop-Betriebssystem, aber immerhin von vielen anderen nicht minder sympathischen Unternehmen doch leidlich gut unterstützt. Und ich bin mir sehr sicher, dass der Code innerhalb von Adobe Digital Editions, der für das eigentliche Nachladen des E-Books auf das Gerät und für das Signieren zuständig ist, sehr einfach plattformunabhängig geschrieben werden könnte, wenn er es nicht bereits ist. Aber das Programm als Ganzes gibt es nur für Windows und Mac, und wer als Linux-Nutzer Adobe-kopiergeschützte E-Books lesen möchte, kriegt von Adobe nichts als den Finger.

Und kommt mir nicht mit Amazon, das ist der gleiche Schwachsinn in Blau, nur mit noch größerer Abhängigkeit.

Nun gibt es einen Weg, unter Linux trotzdem sein rechtmäßig erworbenes E-Book zu erhalten: Man lädt sich nicht die „Adobe Digital Editions“-Versionen von der Adobe-Website herunter, sondern installt Wine und Winetricks mit dem Software-Center oder über die Kommandozeile. Wine ist ein Wrapper, der zur Laufzeit eines für Windows geschriebenen Programms Befehle aus der Windows-Welt (Windows, DirectX, …) in solche aus der Linux-Welt (Linux, OpenGL, OpenAL, …) übersetzt und dem Programm so vorgaukelt, auf Windows zu laufen. Wie gut das funktioniert, hängt vom Programm ab, und mit den neuen Versionen von ADE funktioniert es eben überhaupt nicht. Aber wenn man ADE mithilfe von Winetricks installiert, eine Sammlung von Installationsskripts für verschiedene Windows-Software und einigen Konfigurationsskripts, wird dafür die alte Version 1.7 heruntergeladen, die noch mit Wine läuft.

Nachdem man ADE nun in Linux startet, kann man die aus dem Buch-Shop heruntergeladene ACSM-Datei natürlich nicht einfach über das Programmmenü öffnen, importieren oder was auch immer. Nein, der einzige mir bekannte und wahnsinnig intuitive Weg, endlich an das verdammte E-Book zu gelangen, ist, die ACSM-Datei mit der Maus aus dem Dateimanager in das Fenster von Adobe Digital Editions zu ziehen. Nun erscheint ein Ladebalken, einen Augenblick später wird in der ADE-Bibliothek das Buch angezeigt, und im Ordner „My Digital Editions“ im persönlichen Verzeichnis findet man die EPUB-Datei. Diese Datei kann man sich auf seinen per USB angeschlossenen E-Reader kopieren, der sie in seinem eigenen Buchregal anzeigt.

Posted in Allgemein | Tagged , , , | Leave a comment

Umzug

Letzte Woche wollte ich einen Blick in meine Seitenstatistik werfen und bekam keine Daten für das laufende Jahr angezeigt – üblich wären monatliche Aufstellungen. Also schrieb ich eine freundliche E-Mail an meinen Provider, dass hier wohl ein Feature defekt oder abgeschaltet worden sei. Stellte sich heraus, dass ich schon vor einem Jahr meine Website sichern und den Umzug auf ein neues System einleiten sollte, worauf mein Provider mich auch wiederholt in seinen Newsletters hinwies.

Asche auf mein Haupt!

Hier ein entfernt dazu passender lustiger Comic, um den Eintrag aufzulockern!

xkcd.com | Update

xkcd.com | Update

Heute Morgen zog also meine Domain auf einen neuen Server um, und eben habe ich meine Backups hinterhergeschickt. Dieser Eintrag ist auch ein kleiner Test, ob alles wie erwartet funktioniert.

Danke an den Support meines Hosting-Unternehmens für die Geduld und dass dem Blog nicht stillschweigend der Stecker gezogen wurde!

Posted in Allgemein | Leave a comment

Death Note – Analyse #2: Episode 1 bis 12

Death_Note_logo

Viele Zuschauer lassen sich, gerade beim ersten Mal, von Lights demonstrativer Selbstsicherheit und seinen abgebrühten Erfolgen davon ablenken, dass ein Fehltritt immer tödlicher wird, je weiter er sich auf dieser Schneide fortbewegt. Zielten seine anfänglichen Vorsichtsmaßnahmen noch darauf ab, gar nicht erst in den Kreis der Verdächtigen zu geraten oder den Verdacht von sich zu weisen, muss er später zwar in ihrer Komplexität beeindruckende, aber von ihm nicht bevorzugte direkte Konfrontationen suchen. Der Mord an Raye Penber ist meisterhaft geplant, aber birgt trotzdem ein gewisses Risiko, dass irgendjemand sein Gespräch verfolgt und sich der Polizei als Hinweisgeber andient, irgendeine Kamera sein Gesicht unter der Kapuze einfängt oder Penber im letzten Moment doch noch einmal die Kraft findet, Lights Namen zu rufen. Von der Haaresbreite, die Light bei der Begegnung mit Penbers Verlobten Misora noch von dem angekündigten Schafott trennt, ganz zu schweigen.

Gehen wir die einzelnen Stationen der Reihe nach durch. Der Fund des Death Notes und die ersten Exekutionen aus der Sicherheit der Anonymität bis zur TV-Ansprache von L im Kantou-Sendegebiet. Von nun an weiß sich Light, zwar noch nicht als Person, aber als gesuchter „Kira“ unter Beobachtung und beginnt mit seinen inszenierten pseudo-okkultistischen Selbstmorden erste Verwirrspiele mit L und überprüft gleichzeitig seinen Handlungsspielraum bei der Art und Weise, mit dem Death Note zu töten. Außerdem verschafft er sich online Zugang zu den Dateien der japanischen Polizei über den Kira-Fall. Weil L schnell merkt, dass Kira über vertrauliche Informationen der Polizei verfügt, lässt er die mit dem Fall betrauten Polizeibeamten und ihre Angehörigen vom amerikanischen FBI beschatten, was erst auffliegt, als Light mit einem großangelegten Plan alle Agenten umbringt und ihre Existenz über die Medien dem japanischen Ermittlungsteam offenbart wird, dessen Mitglieder daraufhin erzürnt sind und vereinzelt beantragen, vom Fall abgezogen zu werden. Sieg für Light auf der ganzen Linie, nicht wahr?

death-note-task-force

Nur dass es nicht stimmt. Sicherlich ist L nicht so skrupellos, den Tod der FBI-Agenten bezweckt zu haben, aber anschließend besteht das Ermittlungsteam nur noch aus absolut dem Fall verpflichteten und nun sicher zu allem entschlossenen Beamten (und möglicherweise Kira), und darüber hinaus weiß L nun mit Bestimmtheit, dass die FBI-Agenten Kira gefährlich nahe gekommen sein müssen. Die Ermittlungen konzentrieren sich nun auf die Spitzen der japanischen Polizei und ihre Angehörigen, die am Schluss vom FBI beschattet wurden – darunter Light selbst, dessen Zimmer mit Wanzen und Kameras ausgestattet wird. Habt ihr nicht das Gefühl, dass er zunehmend Beinfreiheit verliert und mehr Energie als je zuvor aufwenden muss, sie sich wieder zu beschaffen?

Es gelingt ihm. L sieht sich gezwungen, die Überwachung der Familie Yagami zu beenden, aber … Er muss bereits genug gesehen haben. Wer die Videoübertragung sah, musste sich eigentlich über die wahnsinnige Beherrschtheit wundern, diese emotionale Leere, selbst wenn er vermeintlich für sich alleine war. Oh, natürlich, er blätterte in seinen speziellen Magazinen, um sich für die Kameras wie ein normaler, triebgesteuerter Junge darzustellen, aber … ich weiß nicht … Sammelt man solche Magazine, um dann nur darin zu blättern? Und hat Light als recht attraktiver, selbstbewusst auftretender und bekanntermaßen höchst erfolgreicher junger Mann das nötig? Sicher könnte er sich einfach mit solchen Schönheiten treffen und hat es nicht nötig, Hefte zu verstecken. Es passt einfach nicht zu Light, und obwohl es an keiner Stelle explizit erwähnt wird, halte ich diese aufgesetzte Normalität und seine ansonsten aalglatte Makellosigkeit für den Grund, die Ermittlungen gegen ihn mit anderen Mitteln fortzusetzen.

death-note-l-smiling

L legt sich nun de facto auf Light Yagami fest. Wie gering ist eine deutlich einstellige Wahrscheinlichkeit tatsächlich, wenn man nur einen konkreten Verdächtigen hat? Er besucht dieselbe Universität, wo er sich Light stellt, und beide beschließen (aus gegensätzlichen Interessen), eine oberflächliche Freundschaft zu unterhalten, um sich im Auge zu behalten. Dann betritt Misa Amane das Spielfeld und mischt es ordentlich auf, mit Blick auf den Plot eine gute Wendung, um das drohende Patt zu verhindern. Sie ist der „zweite Kira“, von dem sowohl Light als auch L schnell ausgehen, und zugleich der Grund, warum Light in das Ermittlungsteam aufgenommen wird: L hofft auf verwertbare Reaktionen Lights auf die merklich andere Vorgehensweise und Ideologie des zweiten Kira. Light hingegen sucht die Aufnahme ins Team, um mit dessen Mitteln den Kontakt zum zweiten Kira herstellen zu können, ohne sich sorgen zu müssen, von der Polizei dabei entdeckt zu werden, denn ab dem Moment ist er die Polizei. (Und natürlich bietet es ihm vielleicht bessere Chancen, L auszuschalten.)

Mit diesen beiden Ereignissen – dem Auftritt von Misa und dem Eintritt von Light ins Ermittlungsteam – haben sich die Regeln des Spiels geändert.

Posted in Anime | Tagged , | Leave a comment

Death Note – Analyse #1: Light Yagami

Fast ein Jahrzehnt nach der Anime-Umsetzung von Death Note blicke ich zurück und versuche mich an einer Analyse, die sicher mehrere Teile umfassen wird. Dabei geht es mir nicht darum, die manchmal komplizierten Story-Knoten zu entwirren, obwohl das nebenbei passieren kann. Was die Charaktere antreibt, ihr Zusammenspiel und welche Möglichkeiten und Beschränkungen sich daraus ergeben, ist mir wichtiger als eine Zusammenfassung der Ereignisse. Falls das nach der Einleitung nicht klar ist: Die kommenden Einträge bestehen überhaupt nur aus Spoilern, also wer die Serie bisher nicht gesehen hat, sollte das jetzt vor dem Lesen nachholen.

Death_Note_logo

Die insgesamt 37 Folgen lassen sich überraschend ebenmäßig in drei Handlungsbögen von je zwölf bzw. dreizehn Episoden gliedern. Jedes Drittel erzählt einen wichtigen Sprung in der Weiterentwicklung der Hauptcharaktere und ist daraus folgend durch eine neue Gruppendynamik gekennzeichnet, worauf ich später ausführlicher eingehe. Im ersten Teil werden natürlich Fundamente gelegt, hauptsächlich Charaktere eingeführt und die Regeln des Death Note erklärt, doch er leistet viel mehr, wie am deutlichsten wird, wenn wir die Persönlichkeit von Light Yagami näher betrachten.

Was für ein Mensch ist Light Yagami, bevor er sich die Macht des Death Note zu eigen macht? Nachweislich ein hochintelligenter Oberschüler, der es gewohnt ist, jeden Wettbewerb, sei er intellektueller oder sportlicher Natur, selbstverständlich für sich zu entscheiden, und wir Zuschauer werden im Verlauf der Serie mehrmals Zeuge seiner Überlegenheit: im Unterricht, in den Aufnahmeprüfungen für die Eliteuniversität und, zwar gegen einen Spieler auf Augenhöhe etwas knapper, aber letztlich humorlos, im Tennismatch gegen L, denn wie sich herausstellt, hat er in seiner Altersklasse ein nationales Tennis-Turnier gewonnen. Und zeigt er Freude über seine zahlreichen Erfolge? Nein, er nimmt sie beinahe wie ein Naturgesetz zur Kenntnis. Als Ryuk einmal seine anstehenden Abschlussprüfungen erwähnt, antwortet er, mit den Gedanken ganz woanders: „Das ist mein geringstes Problem.“ Diesem jungen Mann, der sich wie ein Riese unter Zwergen fühlen muss, fällt das Death Note in die Hände, das es ihm erlaubt, sich zum Richter über Leben und Tod zu erheben. Und hier ist die spannende Frage: aus Gerechtigkeitsstreben?

light-yagami-planning

In der ersten Episode denkt er in sich hinein, wie „verrottet“ die Welt von Gier und Verbrechen sei, seine Klassenkameraden bestätigen ihn in dieser Ansicht, als einige von ihnen einen anderen um Geld erpressen und der Gepeinigte später selbst durchblicken lässt, wie tyrannisch er wohl gegenüber seiner Mutter auftritt, die ihn nicht zügig genug von der Schule abholt. Zweifellos verspürt Light einen tiefen Ekel vor der schieren geistigen und moralischen Durchschnittlichkeit seiner Mitmenschen. Doch in Light einen Racheengel der Gerechtigkeit zu sehen, einen Inquisitor für die gute Sache, einen Gefangenen in einem philosophischen Dilemma von Selbstjustiz, drängt mir die viel profaneren Anteile seiner Motivation zu sehr in den Hintergrund. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass sein Wunsch, mit schier göttlicher Macht und ebensolcher Strenge eine von Verbrechen gesäuberte Welt zu schaffen, nicht einmal sein entscheidender Antrieb ist. Dass ausgerechnet er die Möglichkeit dazu erhält, „auszusortieren“, empfindet er sicherlich als berechtigt. Er mordet verurteilte Kriminelle über Kriminelle, ihre Zahl muss in die Tausenden gehen, aber könnte Light sie nicht deshalb ausgewählt haben, weil sie zugleich das einfachste als auch das am leichtesten vor sich selbst und in der Öffentlichkeit zu rechtfertigende Opfer darstellen? Bekanntlich werden in den Gerichtssälen dieser Welt hin und wieder auch Fehlurteile gefällt, doch nicht ein einziges Mal scheint Light die Möglichkeit zu plagen, gelegentlich Unschuldige zu töten, obwohl der Gedanke, ihm sei diese Möglichkeit nicht stets bewusst, natürlich absurd ist. Dass er später in der Serie, auf dem Zenit seiner Macht, auch den Mord an Menschen, die sich höchstens eines schlechten Charakters schuldig machen, als Lappalie hinnimmt, wäre man vielleicht bereit, mit einer tragischen, aber menschlichen Korrumpierbarkeit durch ein Übermaß an Macht zu erklären, wenn nicht bereits sein so auftrumpfender wie ikonischer Abschied von Raye Penber seinen eigenen schlechten Charakter hinlänglich bewiese. Light hat sich nicht zu einem kaltblütigen Mörder entwickelt. Im Herzen war er schon immer dazu bereit. Oder wie L in den Stunden, da er seine Niederlage vorausahnt und akzeptiert, es formuliert: „Tell me, Light, since the moment you were born, has there ever been a point where you‘ve actually told the thruth?“ (Ich habe die englische DVD-Box.)

Und Stille. Stille vor der nächsten in silberne Worte gehüllten Lüge. Seht euch die Szene an und sagt mir dann noch einmal, Light gehe es um das hehre Ziel der Gerechtigkeit. Seine Gerechtigkeit ist die Selbstgerechtigkeit.

light-yagami-ticking

Dies alles ist wichtig zu wissen, um den Verlauf des ersten Seriendrittels richtig einzuordnen. Seiner selbstsicheren Persönlichkeit entsprechend erkennt Light sofort das Potential des Death Notes und hat bereits konkrete Vorstellungen, wie er es nutzen kann, um als „Gott“ eine „neue Welt“, von Verbrechern befreit, zu erschaffen, ohne von den Ermittlungsbehörden, die ihn zweifellos suchen würden, gefasst zu werden. Dann tritt L über das Fernsehen zum ersten Mal in Erscheinung, konfrontiert Kira mit seinen ersten Ermittlungsergebnissen (nämlich, dass Kira sich in der Kantou-Region aufhalten muss) und fordert ihn heraus. In diesem Moment spürt Light auch den Ehrgeiz, ihm zu beweisen, wer der Stärkere von beiden ist. In der Wut, mit der er seinem Fernsehgerät zubrüllt, er selber sei die Gerechtigkeit, deutet sich schon sein später immer wieder offenbarter Wille an, seinen Gegner nicht nur zu vernichten, sondern ihn auch wissen zu lassen, von wem er gerade vernichtet wird (Penber, Misora, L, Near). Anfangs ist er auch sehr zuversichtlich, mit L kurzen Prozess machen zu können. Doch dieser Gegner stellt sich als ebenbürtig heraus, mehr noch, trotz all seinen brillanten Schlägen gegen die Polizei und das FBI bleibt L ihm hartnäckig auf den Fersen und steht einige Male mit sehr offensiven Aktionen kurz davor, ihn unabweislich zu überführen.

Posted in Anime | Tagged , | 2 Comments